Bisher fand das Ondrej Nepela Memorial immer in Bratislava statt. Wegen Renovierungsarbeiten in den zwei Eishallen für die Eishockey-WM wurde das ONM nicht nur zu einem anderen Zeitpunkt sondern auch an einem anderen Ort, dem circa 80 km nordöstlich von Bratislava gelegenen Piestany, ausgetragen. So gestaltete sich die Anreise deutlich komplizierter als bisher und war geprägt von Umherirren auf Bratislavas Autobahnen sowie kurz hinter dem Flughafen von einer Komplettsperrung der Autobahn, so daß die völlig Ortunkundige leicht unsicher der Masse einfach über die Landstraße hinterher fuhr. Drei Stunden nach Abfahrt am Wiener Flughafen kam ich um Mitternacht dann endlich im Hotel an, wo man mich vergebens auf der Liste der Hotelgäste suchte, mir am Ende trotzdem ein Zimmer gab. In der Hotellobby saß noch Mariusz Siudek und surfte vermutlich im Internet. Das Hotel hatte noch Ostcharme, aber das Bad war tiptop. Die Betten hingegen weniger und ich muß das erste Mal zugeben, daß Betten auch zu hart sein können. Eine zu dünne Matratze lag auf einem durchgängigen Brett, so daß man das Gefühl hatte, direkt auf dem Brett zu schlafen. Da ich ein Dreibettzimmer mein Eigen nennen konnte, zog ich noch in der Nacht auf das wenigstens etwas weichere Einzelbett. Nächste Nacht verbesserte ich den Liegekomfort noch durch die zweite Zudecke, die nun als weitere Unterlage gute Dienste tat.
Durch die Provinzlage des Wettbewerbes war es auch nicht verwunderlich, daß sich kaum Zuschauer in die recht kalte Eishalle verirrten. Dagegen nett gemacht war der Vorraum, wo auf einem Bildschirm eine alte Fernsehaufzeichnung aus den 70er Jahren lief, in dem ausführlich über die Eishalle berichtet wurde, u.a waren auch auch Martin Skotnicky und seine Schwester zu sehen, sie liefen Pflichttänze und Kür und wurden interviewt.
Der Wettbewerb, der sich über 3 Tage erstreckte, umfaßte alle vier Disziplinen im Eislaufen: Einzel Herren und Damen, Paarlauf und Eistanz. In allen vier Sparten waren Sportlerinnen und Sportler aus Deutschland am Start, aus der Schweiz und Österreich nur in den Einzeldisziplinen. Im Paarlaufen waren insgesamt nur 5 Paare dabei, also gerade so viele, daß die ISU Weltranglistenpunkte vergibt, alle Paare fuhren daher mit Punkten nach Hause.
Fast erwartungsgemäß führten in dem kleinen Starterfeld nach dem Kurzprogramm Maylin Hausch und Daniel Wende aus Oberstdorf. Sie konnten vor allem mit hohen Leveln punkten, ihr Doppelwurflutz erhielt Level 4, also fast soviel Punkte wie der dreifache mit Level eins, welchen die auf Platz zwei liegenden Russen Ekaterina Sheremetyeva und Egor Chudin zeigten. Die Lokalmatadoren Gabriela Cermanove und Martin Hanulak schlugen sich erstaunlich gut und hatten einen minimalen Vorsprung vor den immer besseren werdenden „amerikanisch-kanadischen“ Griechen Jessica Crenshaw und Chad Tsagris. Für die abgesagten Britten starteten die erst seit April zusammen laufenden Nicole Gurny und Martin Liebers, die in Graz eine Woche vorher von Hausch/Wende dazu überedet worden waren. Sie bestritten an dem ONM ihren dritten Wettkampf überhaupt. Der dreifache Rittberger als Einzelsprung, den die beiden als einziges Paar beherrschen, klappte wieder recht gut, leider ging dafür die Todesspirale daneben. Erwartungsgemäß lagen sie am Ende auf dem fünften Platz, gerade in den Paarlaufelementen brauchen sie noch Zeit, bis diese noch sicherer und harmonischer wirken.
Die Kürentscheidung konnten mit einem gelungenen Programm Maylin und Daniel wieder souverän für sich entscheiden, lediglich die Todesspirale misslang ihnen wie am Tag vorher ihren Teamkollegen. Die aus dem Vorjahr behaltene Kür wirkt nun ausgereifter, lediglich in den technischen Elementen mußte sich den Russen geschlagen geben, aber mit den Programmkomponenten konnten sie ihren Vorsprung sichern. Als Belohnung erreichten sie erneut die von dem DOSB aufgestellten Norm für die Qualifikation für die Olympischen Winterspiele in Vancouver. Den Lokalmatadoren war dann in der Kür ihre Nervosität deutlich anzumerken, sie patzen bei einigen Elementen und konnten den dritten Platz nicht halten. Die Griechen blieben auch nicht fehlerfrei, erlaubten sich aber weniger teure Fehler als die Slowaken, so daß sie mit der dritten Kür auch den dritten Gesamtrang erkämpfen konnten. Auf dem letzten Platz mit lustigen 99.99 Punkten landeten die zweiten Deutschen. Diesmal misslang ihnen leider der dreifache Rittberger, sie sprang ihn nur einfach, was sie einige wertvolle Punkte kostete. Alle anderen Elemente wirkten schon sicherer als noch bei den beiden Wettkämpfen zuvor, gerade in den Hebungen haben sie sichtbar gearbeitet. Martin kämpft zwar immer noch deutlich, die Abgänge wirkten schon nicht mehr so abrupt und weicher als bei der Nebelhorn Trophy im September.
Im Feld der Damen waren insgesamt 14 Läuferinnen am Start. Isabel Drescher legt ein souveränes Kurzprogramm hin, lediglich bei Axel patze sie, am Ende lag sie mit 5 Rückstand auf die führende Japaner Mutsumi Takayama auf Platz 2. Neuoberstdorferin Isabelle Piemann aus Belgien lief auch deutlich sicherer als noch an der Nebelhorn-Trophy und lag ganz knapp nur hinter Drescher. Kerstin Frank sicherte sich mit einem kleinen Wackler in der Toeloopkombi Platz 4. Platz 6 konnte sich Nicole Graf, Schweizer Meisterin 2009, sichern. Einziges Manko in ihrem Programm war der abgewertete Rittberger. Da das Feld von Platz 2 bis 6 lediglich einen Abstand von gerade mal 3 Punkten aufwieß, war klar, in der Kür wird das ein interessanter Kampf um die Podiumsplätze. Andrea Kreuzer glückte leider keiner ihrer Sprünge, sie machte dreimal Bekanntschaft mit dem Eis.
Ebenso wie das Kurzprogramm gewann die Japanerin Mutsumi Takayama die Kür, auch wenn sie auch einige kleine Fehler machte. Die zweite Kür erlief sich ihre Landfrau Yuki Nishino, die sich nach einem verpatzen Kurzprogramm von Platz 9 auf den vierten Gesamtrang vorarbeiten konnte. Dabei hatte sie das Pech, daß während der Spiralschrittfolge ihre CD ausfiel und sie selber mußte dem Musikpanel die Ersatz-CD bringen. Den zweiten Platz insgesamt sicherte sich Kerstin Frank mit der dritten Kür und solider Leistung. Wie schon im Kurzprogramm war die Toeloopkombination das Problem, diesmal stürzte sie. Platz 3 sicherte sich Isabelle Piemann mit der vierter Kür. Nach starkem Start mit dreifach Flip wurde in der zweiten Hälfte der Salchow abgewertet und danach riss sie die letzten zwei Sprünge auf. Isabel Drescher erwischte keinen guten Tag. Nachdem sie beim Einlaufen noch dreifach Toeloop dreifach-Toeloop blitzsauber aufs Eis gesetzte und beim Warten direkt vor ihrem Lauf ihr ein dreifacher Flip gelang, klappte in der Kür beides dann nicht mehr. Nach dem ersten Toe Loop konnte sie keinen zweiten mehr dranhängen, was sie scheinbar aus dem Takt brachte. Den Flip riss sie auf und am Ende des Programmes wurde noch ein Salchow abgewertet und vom letzten Axel bliebt nur noch ein Dreiersprung übrig. Kürrang 8 machte insgesamt Platz 6 und keine Olympianorm. Nicole Graf erlaubte sich auch zwei Abwertungen, kam aber sonst sauber durch ihre Kür. Am Ende wurde sie mit Platz 8 belohnt. Andrea Kreuzer ging wie schon im Kurzprogramm dreimal mit dem Eis auf Tuchfühlung, dazu zwei Abwertungen bei Salchow und Toeloop ließen nicht viel übrig - Platz 12.
Das Eistanzfeld bestand aus 10 Paaren. Christina und William Beier patzen beim Tango Romantica beim ersten Propeller, etwas was ihnen noch nie zuvor passiert ist. Die Quittung war der 8te Platz nach dem ersten Wettkampfteil, hinter Nelli Zhiganshina und Alexander Gazsi. Eigentlich waren die Beiers nach Piestany gekommen, um Weltranglistenpunkte zu sammeln, dementsprechend groß war ihre Enttäuschung. Die Österreicher Kira Geil und Dmytro Matsyuk, die erst seit kurzem zusammen laufen, legten dagegen ein super Start hin und lagen nach dem Pflichtanz auf Platz 3. Beim neuen Wertungssystem ist aber selbst der Eistanz nicht mehr vorm Liftfahren sicher, so daß es nach Originaltanz bereits wieder ganz anders aussah. Hier konnten die Beiers mit ihrem hawaiischen Tanz auftrumpfen und gewannen diesen Wettbewerbsteil souverän mit der besten technischen Note. Die bis dahin führenden Ungarn Nora Hoffmann und Maxim Zavozin machten einen Fehler in den Twizzeln, so daß diese am Ende nur Level eins erhielten. Den dritten Originaltanz erliefen sich Kanila Hajkova und David Vincour. Nelli Zhiganshina stürzte in den Twizzlen, was ebenso zu Level eins führte. Den zweiten Deutschen blieb nach Platz 6 im Pflichtanz so auch nur Platz 6 im Originaltanz. Auch die Österreicher wackelten in den Twizzlen, auch nur Level eins, dazu kam noch eine unsaubere Schrittfolge, sie konnte damit ihren bisher hervorragenden dritten Platz nicht halten und bekamen lediglich den 8ten Orignaltanz. Mit der zweitbesten Kür, die nur zwei sehr kleine Unsauberkeiten enthielt, konnten die Beiers sich auf den Gesamtplatz 2 vorarbeiten, nur eine Haareslänge vor den Tschechen Kamila Hajkova und David Vincour, die am Ende Bronze gewannen. Die Ungarn gewannen diesen Wettbewerbsteil wie auch schon den Pflichtanz mit guten Leistungen, so daß der Sieg am Ende verdient war. Nelli Zhiganshina und Alexander Gazsi konnten sich in der Kür steigern, aber der fünfte Kürplatz reichte nicht aus, um im Gesamtergebnis sich noch vorzuarbeiten. Nach dem 8ten Orginaltanz der Österreicher reichte es in der Kür nur für Platz 9, die Schrittfolgen und die Pirouette hatten nur Level eins. Am Ende waren sie insgesamt Achte.
Die spannendste Entscheidung lieferten sich wie immer die Herren. Insgesamt traten 20 Herren an. Erster nach dem Kurzprogramm wurde Viktor Pfeifer. Was er ablieferte glich einer wahren Augenweide, so gut habe ich ihn schon lange nicht mehr gesehen. Lediglich Level eins bei der letzten Pirouette bleibt das einzige Manko an dem Programm. Ebenso einen brillanten Tag erwischte Clemens Brummer. Sein Kurzprogramm zu Neverhoodssongs brachte er spritzig rüber, es war eine Wonne, dem müden Businessmann beim Aufstehen zuzugucken. Technisch herauszuheben waren seine Level vier Pirouetten. Auf Platz drei landetete mit sehr solidem Programm der Japaner Kensuke Nakaniwa, die falsche Kante beim Flip kostete ihm einen Platz. Peter Liebers hatte im Einlaufen mehrfach den vierfachen Toe Loop probiert, nachdem er im Morgentraining öfters geklappt hatte, aber nun ging er leider nicht mehr. Statt wie geplant vierfach-dreifach Toeloop sprang er nur dreifach-doppelt und verlor so wertvolle Punkte. Der dreifache Axel hingegen gelang ihm fehlerfrei, trotzdem reichte es am Ende nur für Platz 5 im Kurzprogramm. Jamal Othman gelang leider nur eine dreifach Lutz doppel Toeloop Kombination, er stürzte in der Kreisschrittfolge, die Programmkomponenten und die hohen Levels bei den Pirouetten retteten ihn auf Platz 6. Manuel Koll erwischten einen schwarzen Tag, Lutz abgewertet und Rittberger nur einfach, Platz 18 nach dem Kurzprogramm war nicht das, was er sich erhofft hatte.
Mit Spannung hatte ich die Kür von Peter Reitmayer erwartet, lief er doch an der Nebelhorn-Trophy zum gleichen Flamencoschnitt wie Stéphane Lambiel. Anscheinend hatte man ihm aber davon anscheinend wieder abgeraten. Am ONM lief er seine Kür zum 3. Klavierkonzert von Rachmaninov. Inhaltlich gelang ihm aber ähnlich wenig wie an der Nebelhorn-Trophy. Manuel Koll konnte sich gegenüber dem Kurzprogramm zwar steigern, aber zu mehr als dem 17ten Platz langte es leider nicht. Jamal Othman lief bis auf den doppelten Salchow eine einigermaßen saubere Kür und der 4te Kürplatz reichte dank vieler Liftfahrer zum Bronzegesamtplatz. Viktor Pfeifer kam bei der Kür zu gut weg. Mehrere Leute sahen den gestürzten vierfachen Toeloop deutlich nicht auf rückwärts, aber er wurde ihm angerechnet. Außer einem einfachen Lutz war der Rest des Programms aber gut und brachte ihm den zweiten Gesamtrang ein. Noch besser lief lediglich der Japaner Kensuke Nakaniwa, der alle Dreifachen bis auf den Axel sauber aufs Eis setzte. Damit war das Podium eine reine rot-weiße Angelegenheit, die Pokale wurden den Herren trotz Rollstuhl von der langjährigen Trainerin von Ondrej Nepela, Hilda Múdra, übergeben. Clemens Brummer fing stark an, aber nachdem er beim Flip und Lutz gestürzt war, riß er die nächsten drei Sprünge auf, nur noch der letzte Doppelaxel gelang nach Wunsch. Die 9te Kür machte am Ende Platz 6 und damit keine Weltranglistenpunkte. Immerhin erreichte er das erste Mal die erforderlichen Punkte für seinen Kadernachweis. Peter Lieberes riskierte hingegen viel, sowohl vierfach Toeloop als auch zwei dreifache Axel, aber am Ende hat sich das nicht rentiert, die Abzüge waren bei allen drei Elemente recht hoch, der zweite Axel hätte als sauberer Doppelaxel mehr Punkte gebracht. Platz 5 am Ende und erstmals im Herbst Weltranglistenpunkte.
Insgesamt war es ein schöner Wettkampf. Das Hotel in Reichweite zur Halle, genug Zeit, um sich zwischendurch im Hotel aufwärmen zu gehen und dank kostenlosen WLAN nach Hause zu berichten, frühstücken zwischen den ganzen Sportlerinnen und Sportlern und abends mit den Deutschen in der Bar chillen. Am Sonntag machten sich dann alle wieder auf den Heimweg und meine Rückfahrt zum Wiener Flughafen erwies sich als deutlich einfacher, ich erreichte ihn bereits nach 1,5 Stunden.