Russische Meisterschaft in Mytishchi
Freitag , 5. bis Sonntag, 7. Januar
Das OD-Training am Freitag begann schon mal gut, denn kein Musikmensch tauchte auf. Zwar fand sich einer, der die Anlage einschalten konnte, aber die CDs der Sportler waren nicht da, also mussten am Ende alle Tänzer ohne Musik laufen. Bis zum anschließenden Training der Paare war die Musik dann besetzt. Hier merkt man halt schon, dass in dieser Halle noch nie ein Eiskunstlauf-Wettbewerb ausgetragen wurde. Schon beim Pflichttanz hatte der Musikchef den „Goldenen Walzer“ einfach eingeschaltet, nachdem das erste Paar aufgerufen wurde, ohne abzuwarten, bis sie in Position waren.
Maria Muchortova/Maxim Trankov hinterließen wieder einen hervorragenden Eindruck und liefen ja später ein sehr gutes Kurzprogramm. Zwischendurch ging ich auch mal rüber zu den Herren, die alle bis auf Alexander Schubin gekommen waren. Ich traf Viktoria, die Frau von Alexej Urmanov, die mir erzählte, dass einer der Zwillinge (Andrej) keine Lust auf Eislaufen habe, der andere aber schon.
Die Kür der Damen am Abend war ein trauriges Ereignis. Xenia Doronina lief noch am besten und gewann, aber so wirklich überzeugt sie nicht, vor allem ihre Pirouetten und Komponenten sind schwach. Elena Sokolova wurde mit mieser Kür noch Dritte. Sie hatte nur zwei saubere dreifache Sprünge, aber sie machte auch keine Pirouette vernünftig, sie gab sich einfach keine Mühe, und das sah man. Hinterher beschwerte sie sich in Interviews noch über die ihrer Meinung nach nicht objektive Wertung und fand, dass sie mindestens Zweite hätte werden sollen. Sie hat anscheinend überhaupt keine realistische Selbsteinschätzung. Jetzt meint sie, bei der EM werde sie es allen zeigen. Na ja, wir werden sehen. Sie hatte auch keine Lust zur Pressekonferenz zu kommen. Wahrscheinlich wollte sie sich nicht vor der Presse rechtfertigen, denn ich glaube schon, dass einige der Journalisten ihr kritische Fragen gestellt hätten. Schade war es für Arina Martynova, die im Gegensatz zu Elena sehr motiviert wirkt und sich anstrengte, aber nach gerade überstandener Krankheit mit entsprechendem Trainingsausfall war sie noch nicht fit. Ich brachte Xenia Doronina zur Pressekonferenz und unterhielt mich ein bisschen mit ihr, um mehr über sie zu erfahren. Sie ist erst 16, wirkt aber älter, wohl weil sie recht groß ist. Vielleicht sollte ich auch noch etwas zu Alexandra Ievleva sagen. Ihre Sprünge klappten auch nicht besonders gut, aber sie holte noch ein paar Punkte bei den anderen Elementen.
Am Samstagmorgen hatten die Eistänzer Musik im Training. Ich konnte mit ein paar Trainern sprechen und fragte sie nach einigen Leuten, die ich hier vermisste. Elena Vodorezova berichtete mir, dass Veronika Kropotina (die in der letzten Saison im JGP gut war) nach wie vor mit Rückenproblemen kämpft. Sobald sie mit ernsthaftem Training anfange, kämen die Schmerzen zurück. Von anderer Seite hörte ich, dass sie wahrscheinlich durch falsche Sprungtechnik ihren Rücken kaputt gemacht habe und wohl aufhören muss. Lilja Biktagirova, die zweimal Dritte bei der RM war und Anlass zu Hoffnungen gab, hat Gewichtsprobleme und ist nicht in Form. Vodorezova meinte, sie bereite sich auf die russische Juniorenmeisterschaft vor. Die Paarlauftrainerin Nina Moser berichtete mir, dass wohl leider auch das Paar Simakova/Tokarev aufhören müsse. Das Mädchen hatte sich die Hand gebrochen, und ein eingesetztes Knochenimplantat sei nicht richtig angewachsen, so dass es mit dem Paarlauf vorerst vorbei sei. Ich sprach schließlich auch den Vater der Uspenskij-Brüder an, der mit Vladimir zum Training gekommen war. Von ihm erfuhr ich, dass Alexander an Keuchhusten erkrankt sei. Es gehe ihm so zwar schon wieder gut, aber auf dem Eis trainieren könne er nicht, er mache nur Athletiktraining.
Der Wettbewerb begann am Nachmittag. Im Eistanz war ja eigentlich nur der Kampf um Platz drei und vier spannend, den Jekaterina Rubleva/Ivan Schefer knapp für sich entscheiden konnten. Ehrlich gesagt gefielen mir Anastasia Platonova/Andrej Maksimischin besser, aber ich habe mich darüber gefreut, dass Katja Rubleva es geschafft hat und zur EM kommt. Die anderen fahren jetzt zur Universiade. Mir begegnete übrigens noch Natalja Michajlova. Sie war noch immer sehr enttäuscht darüber, dass sie wegen Arkadijs Verletzung nicht laufen konnten. Sie stellte richtig, dass er einen Bänderriss, keinen Bruch habe, was leider ja eigentlich noch schlimmer ist. Ich hoffe aber, dass ich die zwei im Mai auf dem Eis sehen werde. Natalja geht davon aus, dass sie dann wieder trainieren können.
Im Paarlauf habe ich sowohl Mascha Muchortova/Maxim Trankov als auch Julia Obertas/Sergej Slavnov die Daumen gedrückt. Beide hatten zwar Patzer, aber zeigten einen Aufwärtstrend. Sergej war schon enttäuscht darüber, dass sie nicht gewinnen konnten, aber ich sagte ihm, dass sie sich jetzt eben Schritt für Schritt wieder hocharbeiten müssen, alles auf einmal geht halt nicht. Er hatte keine große Lust auf die Pressekonferenz, aber ich konnte ihn zum Kommen überreden. Sehr nett sind auch Jelena Jefajeva/Alexej Menschikov.
Ich saß in der ersten Reihe direkt am Läuferausgang. Freundinnen von mir hatten in der zweiten Reihe Tickets, und mit Olga, einer Photographin, saß ich an den ersten zwei Tagen neben oder in der Reihe über ihnen, aber die Plätze waren heute verkauft und wir mussten in die nicht verkaufte, eigentlich gesperrte erste Reihe umziehen. Zum Glück durften wir dort sitzen bleiben und hörten, was die Trainer ihren Schützlingen zum Teil während des Programms zuriefen. Ich konnte auch gut beobachten, wie Sergej Dobrin in der letzten Minute von Sergej Voronovs Programm herauskam und sich sehr entschlossen auf seine Kür einstimmte. Mischin machte zu den ebenfalls in diese Reihe gekommenen Verbandsleuten einige witzige Bemerkungen nach den Auftritten seiner Schüler. Er meckerte (scherzhaft) über den aufgerissenen zweiten Axel von Artur Hill-Gatchinskij und sagte, er brauche schnell ein gutes Resultat, denn er sei ja schon so alt und habe nicht mehr viel Zeit.
Mir taten besonders Alexander Schubin und Ilja Klimkin leid, die ich beide gerne sehe und die über ihr Abschneiden sehr enttäuscht waren. Ein schöner Moment war natürlich die Kür von Andrej Grjazev, an deren Ende sich Elena Vodorezova und Tatjana Tarasova glücklich in die Arme fielen. Anscheinend war es für Andrej nur von Vorteil, dass sein Psychologe Rudolf Zagajnov nicht gekommen war. ;-)
Das negative Ereignis des Tages war, dass das Hallenpersonal irgendwann zunächst unbemerkt die Fanbanner – darunter auch eines meiner Bekannten – abgemacht und anscheinend in den Müll geworfen hatte, denn sie ließen sich auch trotz Nachfragens und Suchens nicht mehr auftreiben.
Die Mädels schrieben daraufhin eine Petition an Verbandspräsident Piseev, in der sie eine Entschuldigung von der Halle Mytischi forderten. Ich fürchte ja, dass sie keine Antwort bekommen, aber vielleicht werden wenigstens in Zukunft keine Banner mehr einfach entfernt und weggeworfen. Im Mai hatte Irene ja auch Probleme mit ihrem Banner, das sie erst nach längerer Auseinandersetzung mit einer unfreundlichen Tante hängen lassen durfte.
Am Sonntag konnte ich noch Interviews mit Sergej Dobrin, Maria Muchortova und Maxim Trankov führen. Das Paar interviewte ich getrennt, es ergab sich zufällig, aber ich denke, es war sogar besser so, weil sonst sowieso immer nur er redet. Mein Interview mit Sergej wurde unterbrochen, weil seine Trainerin ihm vor der Siegerehrung noch die Haare richten wollte (aber die Frisur gefiel ihm nicht). Wir setzten das Gespräch dann nach seiner Schaulaufnummer fort. Seine kleine, zweieinhalb Jahre Schwester Mascha ist anscheinend sein ein und alles, jedenfalls erzählte er ganz stolz von ihr und strahlte dabei.
Das Schaulaufen war gelungen, und für das Publikum war es eine tolle Überraschung, dass die Topstars Irina Slutskaja, Jevgenij Pluschenko, Tatjana Navka/Roman Kostomarov und Tatjana Totmjanina/Maxim Marinin dabei waren. Sie zeigten alle neue Programme, nur die Nummer von Totmjanina/Marinin kannte ich von der Silvestergala in Oberstdorf her, die ich im TV gesehen hatte. Slutskaja lief auf „Zwei Gitarren“, klassische russische Zigeunermusik, Pluschi zu einem Blues und lief mit „Ketten“ (aus Stoff), war nicht schlecht, auch wenn er nur ein paar Doppelaxel sprang. Navka/Kostomarov hatten ein Programm zu einem Lied aus einem russischen Film. Im Mai hatte ich gesehen, wie sie mit Natalja Bestemjanova und Igor Bobrin daran gearbeitet hatten und damals hoffte ich schon, dass ich diese Nummer mal sehen werde, denn sie war interessant.
Die meisten Sportler sind noch am Abend nach Hause gefahren, die Moskauer sowieso, aber auch die anderen nahmen Nachtzüge nach Perm und St. Petersburg. Muchortova/Trankov allerdings fuhren erst am Montag Vormittag zurück.
Donnerstag, 5. Januar
Das Training begann eine halbe Stunde später, weil es nur noch zwei Tanzgruppen gibt, aber das war mir ganz recht, dann musste ich nicht so früh aufstehen!
Im Training überzeugte keiner der Herren oder Damen wirklich. Sergej Voronov hatte wenigstens ein wesentlich besseres Training als am Vortag, und Alexander Schubin gelang einmal ein toller 3A. Andrej Lutaj war noch recht gut, Konstantin Menschov mit 4T. Sergej Dobrin war schwach. Dass er am Abend den 4S erfolgreich riskierte, wenn auch nicht ganz sauber, war eine positive Überraschung. Die genauen Ergebnisse vom Wettkampf brauche ich hier nicht zu referieren, da sie an anderer Stelle zu finden sind.
Wir haben sogar eine Mixed Zone bei der Russischen Meisterschaft, die gut funktioniert. Ich war ein paar Mal kurz dort, aber nur, wenn ich keinen anderen Läufer verpasst habe. In der mixed zone halten sich aber auch ein paar Pseudo-Reporter auf, die keinen Plan haben. So fragten sie Vladimir Uspenskij: „Sind Sie zufrieden mit Ihrer Leistung?“ „Welchen Platz haben Sie jetzt?“ „Kämpfen Sie um eine Medaille?“ Ich dachte schon, sie hätten ihn mit seinem Bruder verwechselt, aber sie fragten ihn auch nach Alexander. Er sagte aber nur, dass der krank sei aber sicher bald wieder gesund werde.
Nach den Kurzprogrammen organisierten wir eine kurze Pressekonferenz, und zusammen mit Irena brachte ich die Sportler von der Auslosung ins Pressezentrum. Alle waren folgsam! Das Pressezentrum ist recht eng und bietet wenige Arbeitsplätze (Tische), aber es gibt Internetanschluss.
Bei den Damen war Alexandra Ievleva eine positive Überraschung, auch wenn ihr Sprungrepertoire recht einfach war (3R-2T und 3T). Aber sie blieb fehlerfrei, und andere patzten. Elena Sokolova soll sich in der mixed zone darüber beschwert haben, dass sie trotz schwierigerer Elemente nur Zweite war. Sie hätte halt einen 3R springen müssen, und außerdem war sie langsam und ihre Pirouetten schlechter. Nina Petuschkova erhielt keinen level für ihre Spiralschrittfolge und ihre Kombipirouette. Ich habe nicht so aufgepasst, aber anscheinend hat sie die Positionen nicht lange genug gehalten, so dass sie die Mindestanforderungen nicht erfüllte. Das vermutete auch ihr Trainer Andrej Kisluchin, der sagte, dass sie öfter schlampig in dieser Hinsicht sei.
Einen sehr guten Eindruck im Training hinterließen Maria Muchortova/ Maxim Trankov. Ich hoffe das Beste für sie. Julia Obertas/Sergej Slavnov zeigten solide Würfe, aber ich sah sie heute keine Einzelsprünge trainieren.
Nach dem Wettbewerb habe ich im Bus noch lange mit Sergej Dobrin gesprochen. Er sagte, dass er nicht besonders gut in Form sei, vor allem seit Neujahr. Ansonsten haben wir uns über die Länder unterhalten, in denen wir schon waren und das Lenin- und das Mao-Mausoleum verglichen.
Dienstag 3. und Mittwoch, 4. Januar
Nach meiner Ankunft am Dienstagabend habe ich problemlos das Hotel gefunden, auch wenn ich insgesamt viermal umsteigen musste, aber 50 Euro oder so für ein Taxi wollte ich mir sparen. Das Hotel ist einfach, aber in Ordnung, nicht zu teuer und nicht weit von der Halle gelegen.
Am Mittwoch morgen traf ich dann bei der Akkreditierung die ersten Leute. Die Petersburger und die Permer waren mit Nachtzügen angekommen und holten sich ihre Akkreditierungen ab. Natürlich musste ich gleich sehen, wie der Teamarzt Viktor Anikanov das Attest für die krankheitsbedingte Absage von Alexander Uspenskij schrieb. Ich wusste ja schon, dass er nicht starten kann, aber es war trotzdem traurig. Maria Petrova/Alexej Tichonov, über deren Absage ja schon länger Gerüchte kursierten, und Yuko Kawaguchi/Alexander Smirnov (sie hat sich den Knöchel verletzt – gebrochen oder Bänderriss) waren auch auf der Teilnehmerliste durchgestrichen und damit endgültig raus.
Um 11 Uhr habe ich den Bus zur Halle genommen. Zum Glück kam ich erstmal ohne Akkreditierung rein, denn das Pressezentrum war noch geschlossen. Ich habe nur die erste Gruppe Damen verpasst. Die Läufer waren anscheinend nach Clubs in ihre Trainingsgruppen aufgeteilt. Es fehlten zwei Tanzpaare, die zwei Petersburger Paare Obertas/Slavnov (sollten heute abend kommen, hieß es) sowie die zwei Schüler von Zhanna Gromova (Sergej Dobrin und Sergej Rozanov), alle anderen waren da. Ich muss sagen, dass niemand einen überlegenen Eindruck hinterließ, bis auf Domnina/Schabalin und Chochlova/Novitskij. Alexander Schubin hat wieder dunkle Haare, Gott sei Dank. Manche dieser Läufer sehe ich nur einmal im Jahr, weil sie kaum international starten.
Die Stadt Mytishchi ist offensichtlich sehr stolz darauf, diese Meisterschaft ausrichten zu dürfen. Die Halle ist mit einem riesigen Logo der Meisterschaft dekoriert, und in den Straßen weisen Plakate und Wimpel auf das Ereignis hin. Kein Wunder, dass die Tickets fast ausverkauft sein sollen.
Um 19 Uhr begann dann die Eröffnungsfeier im Kinosaal „Fest“ (der komischerweise auf Russisch auch so heißt). Sie gaben sich wirklich Mühe und zogen ein volles Programm durch, wie bei einer internationalen Meisterschaft! Es traten Sänger, Kinderensembles (Rhythmische Sportgymnastik, Tanz, Parketttanz) und Folkloregruppen auf. Am Ende war es vielleicht ein bisschen zu viel, aber es war nett gemeint. Anschließend gab es einen Empfang mit Büffet und ordentlichem Essen, zu dem alle Sportler und Offiziellen eingeladen waren. Ich wollte eigentlich zu McDonalds, aber da der Bus sowieso noch nicht zurückfuhr, bin ich auch zum Empfang gegangen und habe es nicht bereut.









































