Die EM ist da! Mir gefällt die EM eigentlich immer besser als eine WM, weil die Atmosphäre familiärer ist, obwohl auch dieser Wettbewerb mit rund 150 Teilnehmern nicht gerade klein ist. Warschau hat das letzte mal 1908 eine EM ausgerichtet, und die Polen gaben sich ganz besondere Mühe, dass sich alle wohl fühlen. Die Halle ist klein, aber gemütlich und schön renoviert. Allerdings sind die Gänge verschachtelt, einige bequeme Abkürzungen wurden aus Sicherheitsgründen dicht gemacht, und nicht jeder findet sich zurecht.
Der Samstag war der Hauptanreisetag. Natürlich gab es gleich wieder ein paar Abenteuer. Als das russisch-deutsche Tanzpaar Nelli Zhiganshina/Alexander Gazsi aus Moskau kommend einreisen wollte, stellte sich heraus, dass Nelli nur ein Schengen-Visum hatte. Das ist zwar gut für die Einreise nach Deutschland, wo sie Anfang Januar ja noch an der deutschen Meisterschaft teilgenommen hatte, aber es reicht halt nicht für Polen. Dafür hätte sie ein extra Visum gebraucht. Nelli musste am Flughafen bleiben, durfte aber wenigstens dort in einem Hotel übernachten, während ihr Partner und die Trainerin (die ein korrektes Visum hatte) in die Stadt kamen. Die Polen drohten damit, Nelli am nächsten Tag in ein Flugzeug zurück nach Moskau zu schicken, und da es schon abends war, konnten auch keine Behörden mehr eingeschaltet werden. Der Präsident des Polnischen Eislaufverbandes fuhr am Sonntag zum Flughafen und konnte dort erreichen, dass die Läuferin noch das Visum erhielt. Die Frage ist natürlich, wer hier wieder geschlampt hatte. Am Sonntag erfuhren wir, dass Tugba Karademir, die von Turin von der Universiade nach Warschau fliegen wollte, unterwegs ihren Pass verloren hatte und in München festsaß. Sie musste auch dort übernachten, dann stellte ihr das türkische Generalkonsulat einen Ersatzpass aus. Wir trafen sie am Montag abend im Hotel, und da war dann auch noch ihr Gepäck weg, kam aber noch später an. Karel Zelenka aus Italien vermisste ebenfalls einen Koffer. Wenigstens war es nicht der mit seinen Schlittschuhen und Kostümen. Am Dienstag wartete er immer noch auf sein Gepäck. Ich habe ihm ein Album übergeben, das Irene für ihn gemacht hatte. Bei der Gelegenheit erzählte er mir dann auch, dass er sich noch am Fuß verletzt habe. Zum Glück aber war davon im Wettbewerb nicht viel zu merken, er lieferte zwei gute Programme ab und erreichte seine mit Abstand beste EM-Platzierung. Tomas Verner gab schon nach dem ersten Training fleißig viele Autogramme. Ich sagte zu ihm, „du bist ja schon ein richtiger Star“ und er lachte: „Noch nicht, aber bald.“ Nach dem Kurzprogramm, als er in Führung lag, flüchtete er schon vor seinen weiblichen Fans. „Ein paar Mädchen sind ja ganz schön, aber 1000 ist dann doch ein bisschen viel“, sagte er scherzhaft zu meiner Freundin Petra.
Mit meinen Assistenten für die Quick Quotes hatte ich diesmal Glück, und überhaupt waren unsere Arbeitsbedingungen gut. Wir hatten hinter der eigentlichen mixed zone eine Ecke. Gut, sie war kahl und hässlich, aber es reichte für unsere Zwecke. Das Sicherheitspersonal hatte sich daneben häuslich eingerichtet. Ich glaube, dass diese armen Leute in der Halle übernachtet haben. Sie waren morgens früh schon da und spät abends immer noch, und es waren auch immer dieselben. Englisch oder Deutsch sprachen sie kaum, wir haben uns mit einer Mischung aus Russisch und Polnisch verständigt. Manchmal schliefen sie auch in der Ecke. Jyrki war mit an Board für die Quotes, und das war schon mal sehr gut. Christine S. sagte mir leider kurzfristig ab, aber dann hat mir Christine K., die im Hotel bei der Akkreditierung arbeitete, eine ihrer Helferinnen vermittelt, Juliana aus Berlin. Julianas Eltern kommen aus Polen und sie spricht fließend Polnisch. Sie erwies sich als wertvolle Mitarbeiterin, und wir hatten zu dritt zwar viel zu tun, aber auch unseren Spaß. Die eigentliche mixed zone war etwas beengt. Die Läufer kamen aus der Tränenecke, und direkt dahinter warteten die Journalisten. Rechts in der Ecke waren ESPN und Eurosport (mit Gwendal), dann kam die schreibende Presse auf der anderen Seite. Dazu stießen dann je nach Läufer das russische oder polnische TV. Die Franzosen beschlagnahmten die linke Ecke während der letzten Kürgruppen für ihre Live-Interviews. Dummerweise blockierten sie dann immer den Durchgang in unsere Ecke, und wir mussten unter der Kamera herkriechen oder uns auf der anderen Seite hinter den Kameras vorbeiquetschen. Die mixed zone ist ein spannender Arbeitsplatz. Es wird gejubelt oder es fließen Tränen.
Wir haben hier auch immer einen kleinen Informationsvorsprung und sehen auf unserem Monitor bereits das Ergebnis und die Platzierung des Läufers, der gerade in der Kiss & Cry seine Noten bekommt. Dann habe ich öfter schnell auf den Bildkanal umgeschaltet, um die Reaktion des Sportlers zu beobachten, wenn er sein Ergebnis sieht.
Am Mittwochabend war die rührendste Szene, als Dorota und Mariusz Siudek wussten, dass sie eine Medaille sicher hatten. Still schlossen sie einander in die Arme, und für einen Moment ruhte die Hektik in der mixed zone. Aljona Savchenko/Robin Szolkowy liefen in der Kür wie von einem anderen Stern, das war ein echtes Highlight im Paarlauf. Ich habe mich sehr für sie und ihren verdienten Sieg gefreut, aber mir tat es um Maria Petrova/Alexej Tichonov leid, die nicht mithalten konnten.
Am Mittwoch brach der Winter über Warschau herein. Es schneite den ganzen Tag und die ganze Nacht. Als wir zum letzten Bus um 23.30 wollten, war keiner da. Die Busse waren wegen des Wetterchaos verspätet. Aber der Chef des Transportdienstes war zur Stelle. Er organisierte einen Ersatzbus und kümmerte sich persönlich darum, dass jeder wegkam. Das ist nicht selbstverständlich, bei anderen Wettbewerben ist es uns sogar schon mal passiert, dass der fahrplanmäßige Bus einfach nicht kam und niemand war mehr da, der uns einen Transport organisieren konnte.
Ein Höhepunkt war wieder einmal die Kür der Herren am Donnerstag, denn es blieb spannend bis zum Schluss, und es gab gute Leistungen zu sehen. Während der letzten Einlaufgruppe bin ich immer zwischen meinem „Guckposten“ und der mixed zone hin und hergelaufen. Brian Joubert und Tomas Verner kamen nach ihrer Kür gar nicht mehr aus der mixed zone weg, sie wurden von Interview zu Interview gereicht. Ich war nach jedem Läufer wieder hinten, einmal wegen der quotes, aber auch um auf dem Monitor genau zu verfolgen, was sich tut. Vor dem letzten Läufer, Kevin van der Perren, sprach mich plötzlich Tomas an, total aufgeregt. „Wie sind die Punkte, wie steht es?“ fragte er. Er hatte nichts vom Fortgang des Wettbewerbes mitbekommen! Ich wusste ja, dass er immer noch Zweiter war und mit nur noch einem Läufer auf jeden Fall eine Medaille sicher hatte. Ich sagte also: „Alles ist in Ordnung, mach dir keine Sorgen, du bist bisher Zweiter.“ Tomas fasste es immer noch nicht: „Wieviele kommen denn noch?“ Da konnte ich ihm die frohe Botschaft überbringen: „Es läuft nur noch einer, das heißt, eine Medaille hast du auf jeden Fall.“ Daraufhin stieß er einen solchen Urschrei aus, dass die ganze mixed zone wackelte und alle sich erschrocken umdrehten. Tomas entschuldigte sich sofort für seinen Gefühlsausbruch, aber wer hätte ihm denn dafür böse sein können?
Am Freitag kam es zum Drama, als sich der ungarische Eistänzer Attila Elek im Kürttraining am Morgen verletzte. Ich saß mit Susanne auf der Pressetribüne und schaute mir das Tanztraining an. D.h., es war die Musik von Hoffmann/Elek an der Reihe, aber sie schienen gerade nicht dazu zu laufen, und wir redeten über etwas anderes, und im nächsten Moment sehen wir, wie Attila auf dem Eis liegt und nicht mehr aufstehen kann. Als ich Nora Hoffmans entsetztes Gesicht sehe, ist mir klar, dass es nicht gut aussieht. Es war ein völlig unspektakulärer Sturz, er blieb im Eis hängen und verdrehte sich das Bein, wie die Technischen Spezialisten später berichten. Es war genau vor ihrer Nase passiert. Die anderen Eistanzpaare waren geschockt und liefen herbei, aber auch die Sanitäter waren sofort zur Stelle und leisteten Attila noch auf dem Eis erste Hilfe. Während er auf der Trage hinter den Kulissen auf den Krankenwagen wartete, sprach Gwendal kurz mit ihm. Attila wusste schon, dass der Knöchel hin war. Er wurde ins Krankenhaus gefahren und wenig später erhielten wir die niederschmetternde Diagnose von seinem Knöchelbruch. Die anderen Tanzpaare in der Gruppe – Kerr/Kerr, Fraser/Lukanin, Capellini/Lanotte – waren alle auch mitgenommen, wie sie uns am Abend bei den Quotes erzählten. In der Eistanzkür stürzten nur die zwei italienischen Paare, Federica Faiella/Massimo Scali ausgerechnet bei der spektakulären Hebung, in der sie ihn hebt. Schade war es für Albena Denkova/Maxim Staviski, die schon so einen großen Rückstand hatten, dass sie keine Chance mehr auf den Sieg hatten, aber die trotzdem eine tolle Kür liefen – für mich die beste des Abends.
Am Samstag gab es ein schönes Wiedersehen mit Kati Winkler/Rene Lohse, die den neuen Quickstep-Pflichttanz vorstellten. Diesen Tanz haben Susanna Rahkamo/Petri Kokko ausgehend von ihrem Originaltanz aus dem Jahr 1995 zusammen mit ihrem Trainer Martin Skotnicky entwickelt. Über den Namen des neuen Tanzes herrscht noch keine Einigkeit. Das Eistanzkomitee der ISU nannte ihn „Sunshine Quickstep“, aber Petri Kokko will, dass er „Finnstep“ heißt. Das ist allerdings auch nicht viel besser, denn daraus geht ja nicht einmal hervor, dass es sich um einen Quickstep handelt. „Finnish Quickstep“ wäre meiner Meinung nach am sinnvollsten. Der Tanz jedenfalls hat mir gut gefallen und schien allgemein gut anzukommen. Kati und Rene studieren außerdem noch einen neuen Jive-Pflichttanz ein. Die Kür der Damen am Abend war eigentlich insgesamt besser als erwartet. Carolina Kostner gewann verdient und war wie immer ein Beispiel für andere in der mixed zone. Geduldig gab sie ein Interview nach dem anderen, auf Englisch, Deutsch, Italienisch und Französisch! Sarah Meier konnte zum Glück ihre Enttäuschung schnell überwinden und sich über die Silbermedaille freuen. Kiira Korpi konnte kaum glauben, dass sie noch Dritte war, weil in der Kür nicht alles klappte. Elene Gedevanischvili war der Trainingsrückstand doch noch anzumerken, so dass sie weit zurückfiel und sich noch einiges in den Platzierungen verschob. Abends fand das Bankett in der Universität statt. Die Halle war sehr eindrucksvoll, auch das Programm war nicht schlecht, nur war die Pause zwischen der Vorspeise und dem Hauptgang so groß, dass viele schon dachten, es komme kein Essen mehr! Der eine oder andere soll auch gegangen sein.
Sonntags hatten wir das Schaulaufen, und ich konnte noch drei Interviews erledigen – mit Philipp Tischendorf, Elene Gedevanischvili und Zagorska/Siudek. Abends war ich mit Petra und Rüdiger im Läuferhotel essen.
Insgesamt war es eine sehr schöne EM, die noch lange in positiver Erinnerung bleiben wird.