Grand Prix Finale in St. Petersburg
Freitag, 15. bis Sonntag, 17. Dezember
Ich muss mir angewöhnen, Notizen zu machen, damit ich später noch weiß, was alles los war. Denn wie so oft komme ich erst nach einigen Tagen zum Aktualisieren der Webseite.
Jedenfalls war der Freitag ein ereignisreicher Tag. Beim GP Finale haben wir wie bei ISU-Meisterschaften den „Quick Quote Service“. Das ist eine Dienstleistung für die Journalisten vor Ort. Sie besteht aus Kurzinterviews mit den Läufern direkt nachdem sie ihre Noten erhalten haben und in die Mixed Zone kommen. In den „Quotes“ werden die prägnantesten und interessantesten Zitate veröffentlicht. Leider gibt es nicht immer guten Stoff. Ich kann das natürlich nicht alleine machen. Dafür habe ich vor Ort lokale Helfer, manchmal auch mein „Stammpersonal“, Christine und Jyrki. Die beiden konnten leider nicht kommen. Ich bekam zwei Volunteers zugeteilt, die ihre Sache ganz gut gemacht haben. Allerdings waren sie nicht so absolut zuverlässig und nicht hartnäckig genug, so dass uns einige entkommen sind. Andererseits fehlte es den Mädels natürlich an Erfahrung. Vom Tempo her ging es ganz gut, weil sie noch eine dritte Helferin gefunden haben, der sie ihre Quotes diktieren konnten.
Morgens gab es einen kleinen Machtkampf mit einem japanischen TV-Sender, der meinte, seine Scheinwerfer für die Mixed-Zone-Interviews mitten im Hauptdurchgang aufstellen zu müssen. Es war wenig Platz, das stimmt, aber es müssen halt alle zusammenrücken. Das haben wir dann getan, und es ging.
Der Stress fing damit an, dass es plötzlich kurz vorm Pflichttanz hieß, dien Stromleitungen sei wegen der TV-Scheinwerfer überlastet, und man klemmte uns kurzerhand den Strom für die Infomonitore und für mein Laptop ab! Zum Glück hält mein Akku ca. vier Stunden, denn ich hatte erstmal keine Zeit, mich darum zu kümmern. Später dann aber hatten wir doch wieder Strom. Typisch, es wurde mal wieder Panik um nichts gemacht. Schon am Vormittag hörte ich, dass Evan Lysacek eventuell aufgeben müsse. Er habe sich im Training am Vortag die Hüfte geprellt. Ich erinnerte mich auch an einen schmerzhaft aussehenden Sturz beim 3A. Evan wollte das Einlaufen probieren und dann entscheiden. Als er vorzeitig das Einlaufen beendete, war klar – er zieht zurück. In so einem Fall brauchen wir möglichst schnell ein offizielles Statement, auch vom Arzt, um eine entsprechende Pressemitteilung veröffentlichen zu können. Ich war backstage und wartete im Korridor auf den Arzt. Nach jedem Läufer habe ich kontrolliert, was vor sich geht. Evan kam selbst in die Mixed Zone und gab ein Statement vor der Presse ab, was wir auch verwenden konnten. Jedenfalls war das schon viel Trubel, wie immer bei so unvorhergesehenen Ereignissen. Das GP Finale ist wegen seines knappen Zeitplans sowieso die Hölle für Journalisten. Oft überschneidet sich die Pressekonferenz mit dem Beginn des nächsten Wettbewerbs, weil ja nur eine Eispause dazwischen ist. Ich habe mich daher gefreut, als es plötzlich hieß, dass der Damenwettbewerb 15 min später beginnt. 15 min sind eine Menge Zeit! In dieser Zeit kann man die Pressekonferenz mitmachen oder schon mal was vom bisherigen Wettbewerb schreiben. Ich habe jedenfalls gar nicht gefragt, woher die Verzögerung kam, dachte, es hinge vielleicht mit Evans Aufgabe zusammen (obwohl das wenig Sinn machte). Erst als ich mit Sarah Meier nach dem KP für die Quick Quotes sprach, erfuhr ich, was wirklich der Grund war: Der Bus stand im Stau! Statt 30-40 Minuten wie im Normalfall war der Bus vom Hotel bis zur Halle fast zwei Stunden unterwegs. Außer Sarah waren noch Fumie Suguri und Julia Sebestyen im Bus, sie haben sich schon dort umgezogen, aufgewärmt so gut es ging und hatten natürlich Angst zu spät zu kommen. Julias Trainer Gurgen Vardanjan hat im Organisationskomitee angerufen und gesagt, dass sie im Stau stehen, daraufhin wurde der Wettbewerb verschoben. Der Paarlauf-Wettbewerb fing dann auch etwas später an, und Hao Zhang erzählte mir, dass sie auch 1 Stunde und 20 Minuten unterwegs gewesen seien.
Am Samstag ging es dann munter weiter. Johnny Weir konnte nicht trainieren und ging nach ca 10 Minuten vom Eis. Marina Anissina sagte mir gleich, dass er jetzt überlege, ob er laufen könne oder nicht. Es war also wieder das gleiche Spiel wie gestern – ich wartete im Korridor auf den Arzt. Die Diagnose war auch die gleiche – geprellte Hüfte. Da es noch morgens war und kaum andere Journalisten hier waren, gab es keine Mixed Zone mit Johnny. Ich habe mir dann von ihm ein Statement für unsere Pressemitteilung geholt. Johnny sagte, er sei bei dem Sturz im KP am Vortag unglücklich auf die Hüfte gefallen und könne das Bein zum Springen nicht nach innen ziehen. Er bat mich außerdem, auf dieser website allen seinen Fans mitzuteilen, wie sehr er es bedauere, seinen Start zurückziehen zu müssen. Jeder weiß ja, wie gerne Johnny in Russland läuft und dass er hier viele Fans hat. Im Herrenwettbewerb war irgendwie der Wurm drin. Daisuke Takahashi wurde noch krank und torkelte durch seine Kür (allerdings ohne Sturz), fast hätte er mittendrin aufgegeben, so schlecht sei es ihm gegangen, sagte er später. Miki Ando war auch völlig von der Rolle, angeblich hatte sie die gleichen Magen-Darm-Probleme wie ihr Teamkamerad. Die beiden konnten auch nicht am Schaulaufen teilnehmen. Im Paarlauf erwischte es Dan Zhang, die entkräftet wirkte und nach der Paarlaufkür fast umkippte und erst einmal in Krankenhaus gebracht wurde. Sie verpasste sogar die Siegerehrung.
Das Schaulaufen war also etwas dezimiert. Wenigstens wurden Maria Petrova/Alexej Tichonov eingeladen, sie ja leider nur den sechsten und letzten Platz belegt hatten und normalerweise gar nicht im Schaulaufen gewesen wären. Diese beiden haben mir auch so Leid getan. Wahrscheinlich war das Finale der letzte Wettkampf ihrer Karriere, den sie in St. Petersburg bestritten haben. Sie wollten natürlich vor „ihrem“ Publikum das Beste geben, aber der Trainingsrückstand nach der Show und einer Erkältung Maschas direkt vor dem Finale machten diese Träume zunichte. So schlecht habe ich sie glaube ich noch nie laufen sehen. Zu meiner Freude durfte Alexej Urmanov das Schaulaufen mit einer kurzen Ansprache eröffnen. Er war mit seinem Schüler Sergej Voronov auch an den Wettbewerbstagen in der Halle, aber sie saßen auf der Tribüne und ich war ja immer unten in der Mixed Zone oder in der Photographenbox zum Zuschauen. Kurz gesehen habe ich übrigens noch Andrej Grjazev und Maxim Trankov, die mal auf der Suche nach Bekannten in der Mixed Zone vorbeischauten.
Das Bankett abends im Hotel war sehr gelungen. Es gab gutes Essen, Musik und ein Unterhaltungsprogramm mit einem Zauberer und anderen Artisten. Sogar ein echter, ausgewachsener Bär trat auf (ist ja eigentlich Tierquälerei, aber der Bär war schon niedlich).
Damit ist die Grand Prix Serie der Saison 2006/07 schon wieder vorbei!
Dienstag, 12. Dezember – Donnerstag, 14. Dezember
Die Anreise klappte problemlos. Bei uns im Flugzeug saßen Mao Asada, ihr Trainer Rafael Arutunian und ihre Mutter, die ich aber erst bei der Passkontrolle entdeckte, weil sie vorne saßen, ich aber hinten ins Flugzeug eingestiegen war. In der Ankunftshalle waren die Chinesen am benachbarten Gepäckband. Während ich noch Luca, dem Kameramann, am Zoll behilflich war, standen die Chinesen ewig dort herum. Hao Zhang kam schließlich vorbei und erzählte mir, dass Dan Zhangs Koffer mit den Schlittschuhen fehle. Die Chinesen mussten also auch noch Papiere ausfüllen. Der Koffer sollte bis zum nächsten Tag nachkommen, und glücklicherweise war das auch so. Abends lese ich im Internet, dass Tanith Belbin/Benjamin Agosto abgesagt haben.
Am Mittwoch gab es in der Halle ein inoffizielles Training. Allerdings sollten die Teams 300 oder 350 US Dollar (ich weiß die genaue Summe nicht mehr) für eine Stunde Eis bezahlen. Das ist ganz schön happig! Normalerweise ist das inoffizielle Training am Tag vorher kostenlos, denn die Halle wird ja eh schon vom Veranstalter in Beschlag genommen, weil Preisrichterstand etc aufgebaut werden müssen. Ich dachte zuerst, ich habe mich verhört, aber nein, es sollte wirklich abkassiert werden. Ich war von morgens bis 15 Uhr in der Halle und habe Papiere vorbereitet etc. Danach war ich im Hotel an der Akkreditierung und habe auf Neuankömmlinge gewartet, um nach eventuellen Änderungen in den Programmen zu fragen. Die Franzosen kamen alle zusammen: Alban Preaubert, Delobel/Schoenfelder, Brian Joubert. Alban sagte, dass er noch nicht ganz fit sei. Er hatte sich am Rücken verletzt, weshalb er auch die Französische Meisterschaft absagen musste. Brian erzählte begeistert, dass er beim Flug ins Cockpit durfte. Dann sah ich Marina Anissina, Johnny Weir und seine Trainerin Priscilla Hill. Ich fragte Marina nach der Französischen Meisterschaft, und sie meinte, das Niveau sei ziemlich niedrig gewesen. Sie war besonders darüber enttäuscht, dass nur drei Tanzpaare am Start waren. Später kam auch Celine, eine französische Journalistin. Sie erzählte, dass der Französische Verband sauer auf sie gewesen sei, weil sie einen vernichtenden Artikel über die schwache Damenkonkurrenz geschrieben habe. Daraufhin habe der Verband sich bei ihrer Zeitung beschwert und einen diffamierenden Brief herumgeschickt, in dem man ihr vorwarf, den französischen Eiskunstlauf vernichten zu wollen. Anstatt auf die Kritiker los zu gehen, sollte der Verband mal was tun, um das Niveau anzuheben.
Abends kamen die Eistänzer aus Moskau, auch Albena Denkova/Maxim Staviskij und Melissa Gregory/Denis Petuchov, die die vergangenen Tage dort trainiert hatten. Albena berichtete noch von dem Schaulaufen in Japan, an dem sie nach der NHK Trophy teilnahmen. Sie sind dort OD und Kür gelaufen. Jana Chochlova/Sergej Novitskij waren glücklich und begeistert, dass sie nun doch noch am Finale teilnehmen dürfen.
Am Donnerstag war Trainingstag. In Japan dürfte wohl kein Journalist zurückgeblieben sein, die sind nämlich alle hier! Sie drängten sich nach dem Training der Einzelläufer in der Mixed Zone und machten Interviews. Vom Training habe ich leider nicht so viel gesehen, nur eine Gruppe Eistanzen (die erste mit den Top Drei Paaren), die Herren und die erste Paarlaufgruppe (mit den Chinesen und Petrova/Tichonov). Isabelle Delobel wäre fast zu spät gekommen! Sie war mit Celine und mir morgens im Bus, ist dann aber eingeschlafen und nicht mit ausgestiegen und fuhr zurück ins Hotel. Celine hat sogar noch gefragt, wo Isabelle sei, aber der Bus ist sofort wieder los gefahren und wir konnten nichts mehr machen.
In der Halle gab es neben dem Training viele andere Dinge zu erledigen. Die Mixed Zone musste z.B. eingerichtet werden. D.h., wer kommt wohin (schreibende Presse und TV), wie ist der Zugang etc. Die Organisatoren vor Ort haben schon ihren eigenen Plan, aber der passt dann nicht immer – man kann ja nicht die Interviews dort machen lassen, wo die Sportler raus aufs Eis gehen (wie hier vorgeschlagen), sondern muss auf die andere Seite gehen, um nicht im Weg zu stehen. Photographenplätze müssen zugeteilt werden, dann waren wieder unautorisierte Kamerateams in der Halle (das Training dürfen nur die Rechteinhaber filmen) etc etc. Am Ende des Tages aber sah es so aus, als ob alles halbwegs funktionieren würde. Im Hotel traf ich dann Aljona Savchenko/Robin Szolkowy und Ingo Steuer, die gerade angekommen waren. Abends war die Eröffnung im Jusupov-Palast. Ich bin schließlich nicht hingegangen, weil ich Freundinnen besuchen wollte, für die ich sonst keine Zeit mehr haben würde. Den Palast kenne ich zwar schon, aber er wäre natürlich wieder einen Besuch wert gewesen. Als ich von meinen Freundinnen zurückkam, begegneten mir Jana und Serjozha vor dem Hotel. Jana zufolge war die Eröffnung sehr schön. Es gab eine Führung durch den Palast und sogar drei Ballettszenen in dem kleinen Theater des Palastes.