Interview Russische Meisterschaft 2006
Sergej Dobrin Q: Du hast Deine erste Bronzemedaille bei der Russischen Meisterschaft (Meisterklasse) gewonnen.
A: Ich bin so froh! Ich habe es ehrlich gesagt bis zum Schluss nicht geglaubt. Ich habe meine Noten gesehen und die von Sascha Uspenskij, und aus irgendeinem Grund schien mir, dass Sascha vor mir war. Als sie es mir gesagt haben, habe ich es einfach nicht geglaubt. Als ich abends in Bett gegangen bin, ging mir so viel durch den Kopf, ich konnte nicht einschlafen, ich habe mich lange hin- und hergeworfen, bin aufgestanden, habe mich wieder hingelegt. Ich konnte es nicht glauben. Ich wollte schnell wieder aufwachen, denn habe mich ziemlich gequält! Es war ziemlich hart, ehrlich!
Q: Hast du denn überhaupt nicht damit gerechnet?
A: Ich habe gar nichts erwartet, Ehrenwort. Ich hatte mit einer guten Leistung gerechnet aber nicht damit, dass so ein Platz dabei herauskommt. Aber ich freue mich sehr, dass es geklappt hat.
Q: Wie bist du in die Kür gegangen? Du musstest lange warten und auch noch direkt nach Pluschenko laufen.
A: Als ich in St. Petersburg (beim Cup of Russia) gelaufen bin haben die Zuschauer wohl dreimal so viel applaudiert wie hier (in Kazan). Ich habe mich schon daran gewöhnt, ich bin auch bei der WM (in Moskau) gelaufen. Das war für mich überhaupt etwas Unvorstellbares, wie die Zuschauer mich da unterstützt haben. Na ja, und hier haben sie ihm (Pluschenko) schnell die Noten gegeben und ihn auf den ersten Platz gesetzt, ich musste gar nicht lange warten. Also bin ich gleich rausgegangen und wusste, dass alles in Ordnung sein wird.
Q: Ich meinte eher, dass du als Fünfter in der Gruppe lange warten musstest, und dann gab es noch die Unterbrechung, weil bei Mischa Magerovskij der Schnürsenkel aufging.
A: Ich glaube, dass war eher ein Problem für Zhenja (Pluschenko), für mich war es egal, und ob ich als Fünfter oder Sechster laufe, macht für mich keinen Unterschied.
Q: Wie hast du dich nach dem Grand Prix vorbereitet, denn dort lief ja nicht alles optimal.
A: Ja, ich weiß, das ist absolut richtig. Ich war bereit, ich habe mich sehr ernsthaft vorbereitet, habe mein bestes im Training gegeben. Als ich nach Frankreich fuhr, zeigte ich insgesamt gesehen eine mittelmäßige Leistung, und als ich nach Petersburg zum Cup of Russia fuhr… in Frankreich bin ich die Kür eigentlich gut gelaufen, dachte, dann kann ich auch in Piter gut laufen, kam von der Trophee Bompard, dachte ich habe neue Kraft, aber so war es überhaupt nicht, ich war müde, hätte ich nicht erwartet. Ich hatte schon solche Situationen (direkt aufeinander folgende Wettbewerbe), bei der JWM und der WM, und erinnerte mich daran, und es war ok, aber jetzt war alles anders. Alles ich nach dem Cup of Russia nach Hause kam, habe ich ruhig weitertrainiert. Wenn ich ehrlich bin, ich hatte auch noch eine Verletzung, eine Knochenhautentzündung, und zwei Wochen lang habe ich nicht mit voller Kraft trainiert, und wir haben mit der Trainerin (Zhanna Gromova) schon überlegt, nicht zur Russischen Meisterschaft zu kommen. Es war nicht zu 100 Prozent sicher. Ich hatte auch noch einen Todesfall in der Familie, mein Opa ist gestorben, und ich bin für drei Tage in meine Heimat nach Lipetsk gefahren. Und diese drei Tage haben alles geändert, die Entzündung ging weg. Ich konnte in der letzten Woche (vor der Meisterschaft) voll trainieren. Ich bin mein Programm sauber gelaufen, ich bin in dieser Woche in Form gekommen.
Q: Wie bereitest du dich auf die EM vor?
A: Ich weiß noch nicht, wie ich mich vorbereiten werde, ich muss mit meiner Trainerin besprechen, ob ich im Training ranklotzen oder es ruhig angehen soll. Das wird so sein, wie meine Trainerin sagt. Aber ich denke, ich weiß schon, dass es etwas ruhiger sein wird, denn je ernster ich an etwas rangehe, desto schlechter wird es bei mir. Als ich zum Grand Prix gefahren bin, war ich selbstbewusst und sicher, dass ich 100 Prozent in Form bin. Ich war sicher, dass alles super laufen wird, aber so war es nicht. Und jetzt bin ich einfach so hergefahren.
Q: Wie sieht’s mit dem vierfachen Salchow aus, den hast du hier gar nicht probiert.
A: Ja, als ich vom Grand Prix kam, habe ich alle Sprünge, auch den Salchow probiert, aber dann kam die Verletzung und ich habe aufgehört. Und in der einen Woche (vor der Meisterschaft) wollte ich nicht wieder damit anfangen, ich musste ja überhaupt in Form kommen. Wir haben auch den zweiten (dreifachen) Axel rausgenommen, weil sie meinte, wenn ich eine Kür mit zwei Axeln laufe – es kann natürlich sein, dass ich sie nicht stehe – aber dann kann es sein, dass ich den Lutz am Ende nicht schaffe. Sie meinte, wenn du alles sauber läufst, dann wirst du Dritter. Ich dachte, vielleicht hat sie Recht. Vielleicht! Ich habe nur schweren Herzens zugestimmt, einen Axel zu springen.
Q: Wie bei der JWM, nur hast du damals darauf bestanden, zwei Axel zu springen.
A: Ja, habe ich. Aber hier habe ich voll und ganz meiner Trainerin und ihrem professionellen Standpunkt vertraut, und es war zu meinem Besten. Sie ist schon gestern Abend gefahren, direkt nachdem die Noten kamen, sie wusste gar nicht, welchen Platz ich habe. Ich habe sie angerufen, als sie schon im Zug fuhr und ihr gesagt, dass ich Dritter bin.
Q: Vom Alter her kannst du ja noch bei den Junioren laufen. Überlegst du, noch mal zur JWM zu gehen?
A: Mir ging das viel im Kopf herum, und der Verband sprach davon, und ich kam her und dachte, na ja, wahrscheinlich fahre ich noch zur Russischen Juniorenmeisterschaft in dieser Saison. Ich habe schon überlegt, wenn mir das Bein wehtut und ich nicht zur Russischen Meisterschaft fahren kann, dann fahre ich zur Juniorenmeisterschaft und qualifiziere mich für die JWM. Das heißt, ich hatte solche Gedanken. Aber ich dachte, hoffentlich ist alles in Ordnung, dass ich da nicht hinmuss. Ich wollte nicht, dass das passiert. Am Anfang der Saison waren solche Gespräche im Verband, es ging um die Olympischen Spiele, das hatte ich noch nie im Leben, diese Akkreditierungsunterlagen auszufüllen… Und dann laufe ich schlecht im Grand Prix und denke, Mist, das war’s. Ich hoffe sehr, dass bei mir alles bei den Senioren klappt.
Q: Vielen Dank!