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Juniorenweltmeisterschaft in Oberstdorf
22. Februar bis 4. März

Die JWM ist nach sieben Jahren wieder nach Oberstdorf gekommen. Ich kann kaum glauben, dass das schon sieben Jahre her ist und was seitdem alles passiert ist! Viele der Läufer von damals haben längst aufgehört, andere haben große Erfolge gefeiert. Ich erinnere mich noch lebhaft daran, wie Stefan Lindemann Gold gewann, als wäre es gestern gewesen. Aber ich erinnere mich auch gut an einen gewissen Brian Joubert, der ein Matrosenkostüm trug und Platz 15 belegte, aber schon den dreifachen Axel sprang und an einen gewissen Stephane Lambiel, der mit tollen Pirouetten auf sich aufmerksam machte. Tanith Belbin/Benjamin Agosto tanzten gleich bei ihrer ersten JWM auf’s Treppchen (dritter Platz), geschlagen von zwei Paaren, die es heute nicht mehr gibt (Romanjuta/Barantsev und Nussear/Forsyth). Maxim Schabalin war auch schon dabei, allerdings mit seiner früheren Partnerin Elena Chaliavina. Ich könnte jetzt noch viele aufzählen.

Ich habe wieder in einem Appartement gewohnt, diesmal näher an der Halle, weil das einfach bequemer ist. So brauche ich mir keine Gedanken um den Bus zu machen. Ich kam mit dem Zug am Donnerstagabend an und habe mich gleich an die Mediainfo gesetzt. Bei der JWM sind immer sehr viele Teilnehmer dabei, deren Daten noch nicht eingegeben sind, daher war viel zu tun, aber die Media sollte möglichst schnell fertig werden, damit das OK mit dem Druck beginnen konnte. Ich war fast den ganzen Freitag und Samstag noch mit der Media beschäftigt.

Bevor die Teilnehmer der JWM die Hallen mit Beschlag belegten, trainierten hier noch die „einheimischen“ Läufer. Ich sah z.B. Annette Dytrt, die sich auf den DEU-Pokal vorbereitete (wegen der Erhaltung des Kaderstatus), dann dort aber nicht sehr gut lief.

Am Samstag traf ich Carolina Kostner und Kristin Wieczorek, die ein letztes Training absolvierten, bevor sie nach Malmö auswichen.

In Oberstdorf waren natürlich sehr viele Freunde und Bekannte. Nur Theo war leider erkrankt und konnte nicht kommen. Kati Winkler und Rene Lohse waren aber hier, zum einem, weil sie vom neuen Pflichttanz-Quickstep ein Lehrvideo drehen sollten, aber zum anderen auch, weil Kati als Reporterin für eine Lokalzeitung eine kleine tägliche Kolumne verfassen sollte.

Wie immer seit dieser Saison begann das Training am Sonntag. Die meisten waren schon da. Ich habe Viktor Kudrjavtsev nach Ilja Klimkin gefragt, der ja nun nicht an dem Ausscheid für den zweiten WM-Startplatz teilnahm. Kudrjavtsev sagte, dass Ilja zwar weiterlaufen wolle, aber nicht zu 100 Prozent fit sei und daher auf den Ausscheid verzichtet habe. Er wolle lieber nächstes Jahr zurückkommen, dann aber richtig. Bei Alexej Gorschkov erkundigte ich mich nach Oksana Domnina. Er sagte, sie solle jetzt zurück nach Odintsovo kommen und es gehe ihr den Umständen entsprechend gut.

Am Montag unterhielt ich mich mit Adrian Schultheiss, der fließend Deutsch spricht. Er berichtete mir von Rückenproblemen, die ihn schon die ganze Saison quälen, so dass er sogar Voltaren schluckt. Oh je. Er sprang aber vierfache Toeloops im Training (im Wettkampf dann klappte es jedoch nicht). Philipp Tischendorf schaffte es wegen eines verspäteten Zuges nur so gerade eben zu seinem Training. Arina Martynova hat am Dienstag Geburtstag, daher habe ich ein T-Shirt mit dem JWM-Logo für sie gekauft und es schon mal ihrer Trainerin Marina Kudrjavtseva gezeigt. Zwischendurch erfahren wir von der Pressekonferenz in der Schweiz, auf der Stephane Lambiel ankündigt, dass er bei der WM starten werde.

Abends war die Eröffnungsfeier im Hotel mit dem Einmarsch der Nationen. Der 1,45 m kleine Koreaner Min-Seok Kim  (14) fiel mit seinem traditionellen Kostüm auf. Schon in der Halle hätte er eine große Auswahl an potentiellen Adoptiveltern gehabt, weil alle ihn so niedlich fanden. Er trainierte und lief sogar im Wettkampf mit Brille. Auch der fast gleich kleine Denis Ten (13) war beliebt bei den Zuschauern. Der Inder Amar Mehta hatte sich in Landesfarben gekleidet. Die Allgäuer Folklore mit Peitschen knallenden und raufenden „Geißbuam“ fand ich etwas merkwürdig, aber immerhin war es mal was anderes. Daniel Weiss moderierte locker durch den Abend.
Uschi kam auch an, allerdings waren wir da noch in Sonthofen und sie musste sich erst einmal in Oberstdorf in eine Kneipe setzen, weil nur ich den Schlüssel zum Appartement hatte. Sie hat sich dort aber gut unterhalten.

Am Dienstag begann der Wettbewerb. Zuerst einmal aber musste ich früh aufstehen, weil Arina schon um 8 Uhr Training hatte, und ich wollte ihr doch das T-Shirt geben. Kurz vor Beginn des Wettkampfes, also wirklich nur so ca. zehn Minuten vorher, tauchte plötzlich noch ein TV-Team auf, das akkreditiert werden wollte. Warum können diese Leute nicht früher kommen und allen den Stress ersparen? Es stellte sich zudem heraus, dass dieser Lokalsender keine Rechte an der Meisterschaft erworben hatte und daher keine Akkreditierung und Sendegenehmigung erhielt.

Ich bin von Petra und Rüdigers „Distribution Office“ im Erdgeschoss ins Pressezentrum umgezogen. Da war es wärmer und ich war näher bei meinen Kollegen.

Der Pflichttanz begann mit ein paar Überraschungen und einem Favoritensturz im wahrsten Sinne des Wortes, als Madison Hubbell/Keiffer Hubbell beide in der Silber Samba stürzten und sich damit um die Medaillenchancen brachten. Abends hatten wir unsere erste Pressekonferenz mit den Paaren.

Wenn der Wettkampf dann erst einmal losgeht, ist nicht mehr viel Zeit für anderes. Morgens ist Training, wir machen die updates für die Elementenliste, und dann geht es auch schon los. Die Presseplätze direkt an der Bande waren zwar etwas kühl, aber sonst klasse, zumal wir sogar W-Lan hatten und direkt von dort aus senden konnten. Ich habe zum ersten Mal die neuen Wige-Monitore (Infobildschirme) genutzt. Die sind besser als die alten, denn man kann die bewerteten Elemente aller, nicht nur des letzten Läufers, nachschauen. Die mixed zone funktionierte auch gut.

Da Daniel Weiss am Donnerstag und Freitag verhindert war, fiel an diesen Tagen mir die Ehre zu, das Siegerinterview in der Kiss & Cry zu machen. Ich habe mir bei den Herren zuerst ein paar Fragen für jeden der Top sechs, die meiner Meinung nach eine Chance auf Gold hatten, zurechtgelegt. Sofort nach dem letzten Läufer stand ich in der Nähe der Kiss & Cry bereit und konnte erst einmal dem aufgeregt wartenden Sergej Voronov sagen, dass er Dritter war, weil ich das Ergebnis schon auf dem Monitor gesehen hatte, während Alexandra Kreiselmeyer noch die Noten verlas. Sergej freute sich, hüpfte auf und ab, dann musste er aber noch mal nachfragen – „bin ich wirklich Dritter?“ und dann freute er sich weiter. Stephen Carriere hatte dann ja gewonnen, und das Interview mit ihm lief gut, da er wie die meisten Amerikaner schon geschult im Umgang mit der Presse ist.

Im Eistanzen war die Situation wegen des Unfalls etwas anders. Das letzte Paar, Emily Samuelson/ Evan Bates, auf Rang zwei nach dem OD, startete sehr gut in seine Kür und hätte sicher den zweiten Platz gemacht – und sogar bei perfekter Leistung Chancen auf Gold gehabt. Doch nach 40 Sekunden stürzte Emily in der Kreisschrittfolge, er stolperte über sie und stieg ihr auf die linke Hand. Dabei schnitt seine Kufe tief in ihren Handrücken und durchtrennte die Mittelfingersehne (wie wir später erfuhren). Julia, die als Operator am Eis saß und vor deren Nase alles passierte, erzählte mir, das Blut habe gespritzt. Auf dem Eis und in der Kiss & Cry war auch Blut zu sehen. Emily hielt sich die Hand und lief zur Kiss & Cry, wo schon die Ärzte bereitstanden. Sie fragte gleich, ob man ihr die Hand nicht so verbinden könne, dass sie weiterlaufen könne und winkte, ganz professionelle amerikanische Eistänzerin, mit der unverletzten Hand in die Kamera, als die Ärzte sich die Wunde anschauten. Natürlich gaben die Ärzte kein grünes Licht und Emily landete erst einmal in der Krankenstation der Halle, wo die Wunde erstversorgt und genäht wurde. Am nächsten Tag wurde sie zu einem auf Handchirurgie spezialisierten Professor nach Ravensburg gebracht, der alles wieder richtig zusammenflickte. Die russischen Sieger Ekaterina Bobrova/Dmitrij Soloviev waren genauso geschockt wie die amerikanischen Teamkameraden von Samuelson/ Bates, und es dauerte ein paar Minuten, bis ich sie in der Kiss & Cry hatte. Sie wollten unbedingt erst mit Emily und Evan sprechen, aber Emily war sowieso in der Ersten Hilfe Station und keiner durfte rein. Evan wenigstens haben sie im Gang getroffen, dann brachte ich sie raus. Sie wünschten den Konkurrenten erst einmal gute Besserung, was natürlich sehr fair und sportlich war. Mir tat es leid, dass sie ihren Sieg wegen des Unfalls und des Schreckens zumindest in diesem Moment nicht richtig genießen konnten. Grethe Grünberg/Kristian Rand freuten sich zu Recht über ihre Silbermedaille, der erste ISU-Medaille für Eiskunstläufer aus Estland.

Am Freitag fand das Kurzprogramm der 52 Damen statt. Ich weiß nicht, warum manche Leute darüber so meckerten, es als „unzumutbar“ empfanden und sich über die „neun Stunden Wettbewerb“ aufregten. Als wir die Quali hatten, hat so was doch viel länger gedauert, weil alle die Kür und nicht nur das KP liefen! Zudem hatten wir eine einstündige Pause dazwischen, damit die Preisrichter (und alle anderen) verschnaufen und was essen konnten. Ich fand, dass alles recht schnell vorüber ging. Es gab wieder Exoten zu beobachten, z.B. die Neuseeländerin Morgan Figgins (also ist Eiskunstlauf bei den Kiwis doch nicht nur reiner Männersport). Die Amerikanerinnen räumten bei den Damen wie erwartet ab, aber sie waren auch eine Klasse besser als die anderen. Insgesamt war diese JWM auf einem hohen Niveau, vor allem bei den Paaren und Herren auch auf deutlich höherem als im Vorjahr. Bei den Paaren muss ich noch unbedingt Keauna McLaughlin/Rockne Brubaker erwähnen, die erstklassig waren. Sie laufen erst knapp ein Jahr zusammen, harmonieren aber großartig. Ihre Trainerin sagte mir, schon vom ersten Moment an habe es bei den beiden gestimmt. Rockne ist wie ein großer Bruder zu seiner sechs Jahre jüngeren Partnerin, und sie verstehen sich gut.

Alexej Urmanov sagte mir, dass er nun hoffe, dass sein Schüler für die WM nominiert werde. Er habe es verdient. Alexej war der Meinung, dass es für Sergej Voronov auch nicht zu viel sei, jetzt noch die WM zu laufen. Er wurde dann tatsächlich nominiert.

Das Bankett war wieder am Samstag, was Stress bedeutete, um mit allem rechtzeitig fertig zu werden. Aber ich habe es geschafft. Das Bankett hatte eine schöne Atmosphäre, und das Essen war lecker.

Zwischen dem Schaulauftraining und dem Schaulaufen selbst war am Sonntag dann soviel Zeit, dass ich mit ein paar Leuten aufs Nebelhorn hochgefahren bin, das allererste Mal übrigens, obwohl ich schon öfter in Oberstdorf war. Das Wetter war traumhaft mit toller Sicht über schneebedeckte Gipfel. Die ganze Woche davor hat es ja ständig geregnet, was für die  JWM den positiven Effekt hatte, dass mehr Zuschauer als erwartet kamen, da die Kurgäste und Urlauber sich ja irgendwie die Zeit vertreiben mussten und Wandern bei strömenden Regen keinen Spaß macht. Zum Schaulaufen kamen Tanja und Sonja aus München, zwei  Freundinnen, die ich lange nicht mehr gesehen hatte. Irene war auch dabei, nachdem sie die Kür der Herren leider auslassen musste.

Und das war’s dann auch schon wieder, die JWM war rum. Am Sonntagabend sind viele unserer Leute schon abgereist, Uschi und ich sind mit Simone (die im Pressezentrum geholfen hat), Nigel, David, Lennart und Rosaleen noch essen gegangen. Hoffentlich dauert es nicht wieder sieben Jahre, bis die JWM das nächste Mal nach Oberstdorf kommt!