Weltmeisterschaft in Tokio, 14. bis 26. März
Mit der WM in Tokio waren wir schon wieder beim Saisonabschluss- und Höhepunkt angekommen. Ich komme jedes Mal gerne nach Japan, weil alles meistens gut organisiert ist, die Leute freundlich sind und das Essen schmeckt. Ich reiste bereits am Mittwoch, den 14. März an, einen Tag früher als nötig, aber letztendlich hatte ich dann doch keine Zeit für größere Besichtigungstouren. Mein Flug aus Wien landete am Vormittag, bis ich im Hotel und im Zimmer war, war es bereits mittags. Unser Hotel „Akasaka Prince Hotel“, das auch das offizielle Teamhotel war, liegt direkt in einem lebhaften Stadtteil mit vielen kleinen Restaurants und Kneipen. Im Akasaka Prince Hotel war für die WM-Teilnehmer ein extra Speisesaal eingerichtet worden. Das Essen dort war gut und abwechslungsreich. Allzuviel habe ich davon jedoch nicht gehabt, denn mittags schaffe ich es sowieso nie zum Essen ins Hotel und auch abends war es manchmal schon zu spät.
Die Eishalle lag nur zwei U-Bahnstationen entfernt, allerdings muss man umsteigen, und das Umsteigen dauerte länger als die Fahrt! Ich bin schon am Mittwoch mal in die Halle gefahren. Dort war noch alles im Aufbau. Die Kiss & Cry wurde mit (künstlichen) blühenden Kirschbäumen dekoriert, Andras Szallay von IMG war mit dem Anbringen der Bandenwerbung beschäftigt, Arbeiter wuselten auf dem Eis herum. Überall hörte man Hämmern und Sägen, wurde Material hin und hergeschafft. Anschließend war ich noch kurz im Einkaufsviertel Ginza und habe Postkarten gekauft, die ich dann aber doch wieder erst ganz am Schluss geschrieben habe. Abends fing ich im Hotel mit der Media-Information an. Der Donnerstag brachte wieder einen Besuch in der Eishalle, vor allem, weil ich das Pressezentrum in Augenschein nehmen wollte. Uwe, Torsten und Ronny von Wige (Swiss Timing) waren auch eingetroffen, und wir fuhren zusammen in die Halle. Sie nahmen ihr Equipment in Empfang. Es ist immer eine logistische Leistung, wie die ganzen Gerätschaften – Computer, Kabel, Drucker und was sonst alles dazugehört - um die Welt von einem Wettbewerb zum anderen geschafft wird. Es handelt sich jeweils um eine stattliche Anzahl von Kisten. Meine Kolleginnen Patricia und Devra trafen am Freitag ein. Abends waren wir in einer Sushibar. Schon ab Donnerstag fand in der Halle übrigens inoffizielles Training statt. Die Franzosen um Brian Joubert und auch die Tanzpaare von Natalja Linitchuk und Gennadi Karpanossov waren bereits frühzeitig nach Japan gekommen, um die Zeitumstellung besser zu bewältigen. Brian sah trotz der unangenehmen Fußverletzung vom Februar ziemlich fit aus. Auch Mao Asada trainierte bereits früh in Tokio und lockte die ersten Journalisten an. Als am Sonntag das Pressezentrum offiziell öffnete, waren schon viele Medienvertreter da, was ungewöhnlich ist.
Als ich die Pressetribüne sah, habe ich mich gefreut, denn sie war über eine größere Treppe von unserem Bereich aus zugänglich. Mir war gleich klar, dass wir von dort oben aus werden zuschauen können und dann eben immer in die Mixed Zone runterrennen werden. Der Weg war eigentlich nicht lang, und der zusätzliche Sport konnte nur gut tun. Die Japaner stellten eine sehr gute Mixed Zone zusammen. Die Sportler kamen zunächst an unserem Tisch vorbei, dann ging es in den TV-Bereich und schließlich zu den schreibenden Journalisten. Es war genug Platz für alle. Jeder TV-Sender (Fuji-TV, CBC, ESPN, die Franzosen) hatte eine eigene kleine Box für seine Interviews. Das Quick Quote Team war ebenfalls sehr gut ausgestattet. Man stellte zwei Computer und einen Drucker. Ich benutzte natürlich auch noch mein Notebook, so dass wir an bis zu drei PCs gleichzeitig arbeiten konnten, was Zeit sparte. Ich hatte Vera an Bord geholt, weil ich zunächst nicht wusste, was für Leute ich bekommen würde. Das OK hatte mit Mayumi, Kyoko und Asako aber drei in den USA lebende Japanerinnen engagiert, die alle gute Arbeit leisteten. Kyoko hatte zudem schon in Nagano 2002 und in Washington 2003 bei mir mitgearbeitet. Außerdem kam noch Strike dazu, eine in den USA lebende Französin. So ein großes Team hatte ich selten! Alle waren mit Feuereifer dabei und hatten auch Spaß, und das ist ja auch so wichtig. Die Leute arbeiten zwar hautnah mit, aber sie können vom Wettbewerb nicht so viel sehen. Meine Helferinnen mussten zudem die wichtigsten Quick Quotes auch ins Japanische übersetzen. Wir haben von jedem, den wir brauchten, ein Quote bekommen und unsere Mission gut erfüllt, würde ich sagen.
Bei den Pressekonferenzen konnten wir uns aufteilen und so auch die Zusammenfassungen schneller schreiben. Die Wettbewerbe begannen etwas früher als sonst und endeten auch früher, aber dreimal mussten Devra und ich doch mit dem Taxi ins Hotel fahren, weil wir den letzten Bus nicht mehr erreichten. Es war jedoch besser für uns, in der Halle zu arbeiten, weil wir dort eine gute Internetverbindung hatten. Im Hotel dagegen hatten wir Probleme.
Die Trainingshalle war übrigens nur ein paar Minuten zu Fuß von der Haupthalle entfernt. Allerdings war sie ziemlich alt und heruntergekommen. Es gab nur ganz wenige Zuschauerplätze, so dass man ohne Akkreditierung gar nicht rein durfte. Ich war nur zwei- oder dreimal dort. Leider habe ich daher kaum Eistanztraining anschauen können.
Natürlich sind wieder ein paar ungewöhnliche Dinge am Rande passiert. Am Dienstag, dem ersten Wettkampftag, fehlte der chinesische Preisrichter Yumin Wang. Er war einfach nicht da, als es los ging, wurde aber zunächst mit aufgerufen, denn er hätte ja im letzten Moment noch kommen können. Was war passiert? Der arme Mann hatte den Bus vom Hotel verpasst. Kurzerhand nahm er ein Taxi, aber das chauffierte ihn zur falschen Eishalle, und so kam der Juror zu spät. Im KP durfte er nicht mehr mitwerten, in der Kür dann aber schon. Im KP beeindruckten vor allem Shen/Zhao und Savchenko/Szolkowy. Traurig allerdings endete die WM für Maria Petrova/Alexej Tichonov. Sie leisteten sich drei Wackler im KP und wurden gnadenlos „abgeschossen“. Platz 11 war bitter. Sie waren enttäuscht, aber gefasst. In der Mixed Zone sagte Alexej noch, sie wollten jetzt am nächsten Tag einfach nur noch eine schöne Kür laufen, aber dazu kam es dann ja nicht mehr. Sie zogen am Mittwoch wegen einer Adduktorenverletzung (er) zurück. Viele zweifelten daran, dass er wirklich verletzt sei und meinten, die beiden hätten einfach keine Lust mehr gehabt. Es sei ja auch sinnlos gewesen, eine Medaillenchance hatten sie nicht mehr. Ich weiß nicht genau, wie es nun war, aber es tat mir in jedem Fall sehr, sehr Leid für die zwei. So einen Abschluss ihrer langen und erfolgreichen Karriere hatten sie nicht verdient. Ich sah sie erst beim Bankett wieder, zum Glück waren sie nicht abgereist. Als ich Maria sagte, dass sie einfach die EM als den Abschluss ihrer Karriere betrachten sollten, antwortete sie: „Eigentlich haben wir unsere Karriere letztes Jahr beendet“. So gesehen hat sie Recht. Ich hatte auch das Gefühl, dass die beiden nicht mehr mit ganzem Herzen bei den Wettkämpfen dabei waren und sich wegen der Shows und verschiedener Krankheiten auf keinen Wettbewerb optimal vorbereiten konnten und daher auch nie mehr in Topform kamen.
Am Mittwoch gab es noch ein Paarlaufdrama. Diesmal traf es die polnischen Veteranen Dorota Siudek/Mariusz Siudek. Sie wollten sich nur noch mit einer schönen Kür von ihrem Publikum verabschieden, aber es hat nicht sollen sein. Ihn erwischte im Einlaufen ein Hexenschuss. Auf einmal stand er gekrümmt an der Bande und Dorota brach in Tränen aus. Wir hatten es auch mitbekommen und mussten natürlich rausfinden, was passiert war. Die Polen mussten zurückziehen und kamen nur noch aufs Eis, um sich zu verbeugen. Da standen vielen die Tränen in den Augen! Der deutsche Physiotherapeut erzählte mir, dass er noch alles versucht habe, um zu helfen. Aber natürlich war die Zeit viel zu knapp, um etwas auszurichten. Ich konnte kurz mit Dorota und Mariusz sprechen, die völlig verzweifelt waren. „So wollte ich meine Karriere nicht beenden“, sagte er. Er meinte, wenn er zwei Stunden Zeit gehabt hätte, wäre es vielleicht wieder gegangen. Er hatte schon öfter so einen Hexenschuss, normalerweise ist er dann nach zwei Tagen wieder völlig fit. In der Gruppe blieben nur die Zhangs und Muchortova/Trankov übrig. Maria Muchortova und Maxim Trankov haben auch eine sehr harte Saison hinter sich, aber sie konnten eine dafür angemessene Leistung zeigen, und ich hoffe, dass sie nächstes Jahr die Tradition des russischen Paarlaufs werden fortsetzen können, zusammen mit Yuko Kawaguchi/Alexander Smirnov, die bei ihrer ersten WM noch Lehrgeld zahlen mussten, weil in der Kür zwei Sprünge aus der Wertung fielen. Am Mittwoch wurde auch noch plötzlich der Internetzugang gesperrt, über den die Wiges die aktuellen Ergebnisse hochladen. Es passiert doch immer wieder was Neues! Aber Torsten & Co konnten über einen Computer in Deutschland die Ergebnisse doch wieder online stellen.
Zwischendurch konnten wir die Wettbewerbe immer wieder von der Presse- und TV-Bühne beobachten. Ich finde es faszinierend, wie die Kommentatoren jeder in ihrem kleinen Abteil hocken und von allen Seiten Wortfetzen in den unterschiedlichsten Sprachen herüberklingen. Am lautesten redet immer Nelson Montfort vom französischen Fernsehen, der meint, die ganze Tribüne mit seinen Sprüchen unterhalten zu müssen. Wenn ich höre, was er so verzapft, tun mir die französischen Zuschauer schon etwas Leid! Englisch, Deutsch, Französisch, Spanisch, Italienisch und sogar Türkisch war auf der Tribüne zu vernehmen. Der türkische Kommentator war von früh bis spät im Einsatz, denn sein Sender zeichnete alles auf. Daran sollten sich mal andere ein Beispiel nehmen. Die Türkei hat ja nun bis auf Tugba Karademir wahrlich keine international bekannten Eisläufer, aber zeigt dennoch mehr als das deutsche Fernsehen.
Der Donnerstag stand wie stets im Zeichen der Kür der Herren. Ich habe mich sehr für Brian Joubert gefreut, der sein großes Ziel verwirklicht hat und der den Titel verdiente, auch wenn er in der Kür auf Sicherheit lief. Der französische Verband und die französische Presse hatten ihn oft genug gequält, unvergessen ist mir, wie gemein sie Brian bei der WM in Moskau 2005 behandelten, als er ihre Erwartungen nicht erfüllte und nur Sechster wurde. Aber immer noch sind nicht alle zufrieden, Nörgler meckerten, dass er nur Dritter in der Kürwertung gewesen sei. Na und? Er hat gewonnen, das zählt doch. Ein Highlight war der Schwede Kristoffer Berntsson, der nicht nur das Publikum mit seiner Discokür toll unterhielt, sondern auch technisch die beste Kür seiner bisherigen Karriere lief. Und auch Tomas Verner zeigte eine hervorragende Leistung mit zwei vierfachen Toeloops. Die hatte er auf seinem planned program content gar nicht angegeben. Warum, habe ich ihn gefragt. Die Antwort war „aus Aberglaube“. Denn bei der EM gab er sie an, da klappte es nicht, während er bei der Tschechischen Meisterschaft auch nur einen 4T eintrug und dann zwei stand. Stephane Lambiel erholte sich von seinem verunglückten Kurzprogramm und war am Ende mit Bronze zufrieden. Er sagte, er habe es nicht bereut, dass er hergekommen sei. Andere dagegen hatten Pech und blieben weit hinter ihren Erwartungen zurück, vor allem die Nordamerikaner.
Am Freitag legten die Damen los. Das KP war wie schon bei EM und JWM in zwei Gruppen geteilt, aber diesmal war nicht nur eine einstündige Pause dazwischen, sondern die Eistanzkür. Das war schon komisch, vor allem, weil ich nach der Eistanzkür das Gefühl hatte, dass jetzt Schluss sein müsse! Den Eistänzern gefiel es übrigens, dass sie am frühen Abend fertig waren. Prinzipiell fand ich diese Teilung nicht gut, weil sie das Gefühl einer Zweiklassengesellschaft vermittelte. Ja, die Läuferinnen in der ersten Gruppe waren schwächer und einige davon haben ehrlich gesagt auch nicht das Niveau, um bei einer WM zu starten. Aber wenn sie schon mal da sind, sollten sie genauso wie die anderen behandelt werden. So war es eher, als sei die erste Gruppe eine Art Qualifikationsgruppe für die Kür (zwei kamen weiter). Da wäre es mir lieber, wenn man von vornherein eine Qualifikation für die schwächeren Läuferinnen einführen würde, analog zu Sportarten wie dem Tennis. Die besten 24 Teilnehmer der WM (nach der Weltrangliste) sind für das KP gesetzt, alle anderen laufen ihr KP in einer Vorrunde, die sechs besten davon kommen weiter, so dass 30 das KP laufen und wie gehabt 24 in die Kür kommen. Zum Beispiel. Aber es ist mir schon klar, dass es nie eine Lösung geben wird, die alle zufrieden stellt. Die ISU hat die Qualifikation ja nun gerade erst abgeschafft. Das spart einen Wettkampftag und damit Geld.
Jedenfalls gab es eine Überraschung im KP, da Yu-Na Kim mit einem phantastischen Programm eine neue Rekordpunktzahl aufstellte und Mao Asada die Nerven versagten und sie nur 3F-1R sprang. Carolina Kostner zeigte ebenfalls ein exzellentes KP.
Im Eistanz freute ich mich über den Erfolg von Albena Denkova/Maxim Staviski, die ich schon sehr lange sehr gerne mag. Marie-France Dubreuil/Patrice Lauzon waren würdige Zweite und gute Verlierer. Ich fand ihre Kür immer etwas langweilig, aber sie sind sie sehr gut gelaufen. Tanith Belbin/Benjamin Agosto dagegen enttäuschten. Ich fand nicht, dass sie Bronze verdient hatten. Diese Medaille hätte ich eher Oksana Domnina/Maxim Schabalin oder Isabelle Delobel/Olivier Schoenfelder gegeben.
Die Kür der Damen war dann noch einmal spannend, Mao-chan (das ist ihr japanischer Kosename, den auch die Kinder in der Eishalle immer kreischten) holte mit einer tollen Kür auf, Miki die Maus gewann und konnte erst einmal vor Glück nur heulen, Yu-Na ergatterte Bronze, nachdem sie leider zweimal stürzte. Schade für Carolina, der die Nerven versagten oder auch für Sarah Meier, die nicht ihre beste Leistung zeigen konnte.
Die WM schloss mit Schaulaufen und Bankett (diesmal zum Glück wieder am Sonntag) ab. Es war ein sehr schöner Abschluss mit fröhlicher Stimmung. Ein bisschen traurig war es auch, weil doch einige Läufer wohl das letzte Mal dabei waren. Viele nutzten die Gelegenheit, um sich noch einmal mit Xue Shen/Hongbo Zhao, Maria Petrova/Alexej Tikhonov oder den Siudeks zu photographieren. Die japanischen Mädels kamen im Kimono, und fast jeder wollte mit ihnen ein Photo machen. Sogar Mari Vartmann hatte sich einen Kimono ausgeliehen und machte eine wirklich gute Figur darin. Nicht jeder weiß vielleicht, dass ihre Mutter Japanerin ist und Mari Verwandte in Tokio hat.
Die Saison 2006/2007 ist damit vorbei, jetzt kommen noch ein paar Tourneen und Shows und dann beginnen schon wieder die Vorbereitung für die neue Saison.