Interview mit Peter Liebers in Oberstdorf, Mai 2011


Q: Es war deine bisher beste WM-Platzierung, du bist fehlerfrei geblieben und konntest zum Abschluss der Saison deine beste Kür zeigen. Erzählst du uns bitte etwas darüber, wie dir die WM in Moskau, die ja eigentlich hätte in Japan stattfinden sollen, insgesamt gefallen hat?


A: Die WM in Moskau hat mir sehr, sehr gut gefallen. Ich war sehr überrascht wie gut alles organisiert wurde. Von vorne bis hinten hat dort alles geklappt. Es war zum Vorteil vieler, dass die WM überhaupt stattgefunden hat, obwohl man dann doch schon allen angemerkt hat, dass es eine sehr lange Saison war. Es war nicht so “Jawohl! Wir zeigen jetzt alle eine gute Leistung.” Ich hatte den Eindruck “Wir wollen fertig werden. Wenn wir das jetzt geschafft haben können wir frei machen.” Es hat, glaube ich, alle sehr angespornt, das noch mal wirklich gut durchzuziehen. Insofern ging es auch mir so, dass dies sicherlich sehr leistungssteigernd gewirkt hat und deshalb die Leistung auch entsprechend gestimmt hat.


Q: Wie fandest du das Niveau?


A: Ich fand das Niveau sehr gut. Ich glaube, dass wir so viele Vierfach-Sprünge wie noch nie bei einer WM gesehen haben. Trotz der schwierigen Vorbedingungen sind viele annähernd fehlerfrei gelaufen und haben eine Top-Platzierung erreicht.


Q: Was hast du denn alles in Moskau anschauen können?

A: Wir waren am Dienstag zwischen Qualifikationskür und Kurzprogramm am Roten Platz, durften allerdings nicht rauf wegen der Vorbereitungen für eine Parade. Aber das kann man ja alles wiederholen und dann anschauen, was man da so sehen sollte: die Basilika auf dem Roten Platz und den Kreml. Im Lenin-Mausoleum war ich nicht, denn ich bin mit Daniel Wende in so einem Szeneviertel gewesen und insofern habe ich die Hauptattraktionen, wie z.B. das Bolschoi-Theater, hoffentlich alle gesehen.


Q: Was nimmst du mit aus dieser ungewöhnlichen Saison?


A: Dass trotz des veränderten Trainings, das wir jetzt zum Ende hin gemacht haben, und dass trotz dieser Verzögerung und wenn nicht alles nach Plan läuft, gute bis sehr gute Leistungen entstehen können. Ich weiß, dass etwas dabei herauskommen kann, wenn ich mein Training, wie wir es nun begonnen haben, die nächsten Jahre weiter so durchziehe. Das macht eigentlich jetzt ganz viel Mut für die kommende Saison. Ich habe die Gewissheit, dass wir gut trainiert haben und dass sich das gelohnt hat.


Q: Dein Ziel für diese Saison, nämliche schöne und saubere Programme zu präsentieren, hast du erreicht. Welche Ziele setzt du dir für die kommende Saison? Du bist sicherlich jetzt sehr motiviert?


A: Ja, das motiviert natürlich schon sehr stark. Ich bin eigentlich ganz gut gefahren mit dem Ziel, mich auf die Sauberkeit der Programme zu konzentrieren und nicht auf irgendwelche Platzierungen wie ich das früher gemacht habe. Da hatte ich versucht irgendeine Platzierung zu erreichen und war dann enttäuscht, wenn ich es nicht geschafft hatte. Ich denke, dass ich so weitermachen werde: einfach gute, schöne und ansehnliche Programme möglichst fehlerfrei darbieten und mich mit stabilen und konstanten Leistungen weiter nach vorne arbeiten.


Q: Dein Konzept wieder an möglichst vielen Wettbewerben teilzunehmen wirst du beibehalten?


A: Ich denke mal ja. Ich versuche alles mitzunehmen und natürlich hoffe ich, dass nicht nur einer sondern hoffentlich zwei GP’s rausspringen in der kommenden Saison. Tja, mal gucken, wie die Planung wird. Ich weiß noch nicht genau, wie die einzelnen Wettkämpfe liegen, aber sicherlich werden ein bis zwei internationale Wettkämpfe in diesem Jahr folgen und dann hoffentlich zwei GP’s, die Deutsche, EM und WM, und vielleicht dazwischen noch ein oder zwei Wettkämpfe. Also es werden einige! Ich denke auch über die Quantität der Wettkämpfe kommt eine gewisse Erfahrung rein und dann auch eine gewisse Qualität.


Q: Wann genau fliegst du wieder Kanada und wie geht es dann weiter?


A: Ich bin ja jetzt gerade beim Bundeswehrlehrgang in Sonthofen und wenn der am 1. Juni vorbei ist geht’s gleich ein paar Tage danach, am 5. Juni, für zwei Wochen nach Kanada, das Programm aufbauen, eine neue Kür und Anpassung und Überarbeitung des Kurzprogramms an das neue Wertungssystem und an die Änderungen, die da kommen. Eine Woche später kommt dann mein Choreograph (Shin Amano) nach Berlin und dann werden wir dort weiterarbeiten.


Q: Kannst du uns schon ein bisschen was über das neue Programm verraten?


A: Welche Musik wir für die Kür nehmen, wissen wir noch nicht genau. Wir hatten lange überlegt, ob wir vielleicht beide Programme behalten. Aber Frau Striegler wollte diesen Rhythmus, jährlich ein Programm neu zu machen und eines zu behalten, wieder reinbekommen. In dem Olympiazyklus sind wir dann wieder in dem eigentlich geplanten Rhythmus drin, so dass wir in der Olympiasaison so laufen, wie wir es geplant hatten. Deshalb wird es eine neue Kür werden. Es gibt noch nichts Konkretes, aber das wird sich in den nächsten Wochen ergeben. Und ich denke, egal welche Musik es wird, wir werden ein schönes Programm aufbauen.


Q: Was hältst du von den neuen Regeländerungen?


A: Ich habe noch nicht alles gesehen. Ich habe jetzt nur soweit gehört, dass es bei den Pirouetten wesentlich schwieriger werden wird, die Level zu bekommen, da werden wir sehen. Ich glaube, dass sonst keine großen Änderungen wie im letzten Jahr mit einem Element weniger im Kurzprogramm oder dem Choreostep in der Kür kommen werden. Aber man muss sich anpassen, groß beschweren kann man sich nicht. Man muss das Beste daraus machen, das versuche ich und dann werden wir sehen.


Q: Seit Oktober studierst du Biotechnologie an der Hochschule in Berlin. Du kannst das Studium und den Hochleistungssport gut vereinbaren?


A: Ja im Moment schon. Es war ein bisschen schwierig, dieses Semester habe ich jetzt ausgesetzt wegen der Bundeswehr. Aber ansonsten bietet mir die Bundeswehr da sehr gute Möglichkeiten. Ich bin sehr froh darüber, dass ich über die DEU reingerutscht bin und sie auch jetzt erreicht haben, dass ich ein weiteres Jahr bei der Bundeswehr bleiben kann. Die Bundeswehr gibt mir sehr viel Zeit für das Training und auch für eine gewisse Weiterbildung neben den Bundeswehrpflichten. Das bekomme ich ganz gut in den Griff. Solange ich meinen Bundeswehrpflichten nachkomme, kann ich mich nebenbei weiterbilden und auch meinen Sport normal betreiben. Das klappt eigentlich so sehr gut.


Q: Bleibt da noch Zeit für die Modelleisenbahn?


A: (lacht) Ja! Am Wochenende, vielleicht nicht ganz so viel wie früher bevor ich studiert habe. Aber es bleibt auf jeden Fall noch Zeit. Arbeiten kann man sowie immer und jederzeit an dem Ganzen, das ist das Schöne daran. Ob man nun in fünf oder in zehn Jahren mit der kompletten Anlage fertig ist oder erst in 15-20 Jahren ist egal. Der Weg ist das Ziel und man kann schön sich entspannen dabei.


Q: Wie schaut denn ein normaler Tagesablauf bei dir aus vom Aufstehen bis zum Zubettgehen?


A: Das ist unterschiedlich je nachdem wie ich Studium habe. Ich habe das relativ flexibel gemacht. An einigen Tagen habe ich nur am Vormittag oder in der Früh Studium und kann dann ab Mittag trainieren. An anderen Tagen habe ich früh Training, gehe dann Mittags zum Studium und danach Nachmittags wieder zum Training. Also es ist sehr flexibel. Momentan durch das Auslassen dieses einen Semesters habe ich den Grundrhythmus am Vormittag so gegen 8.oo-9.oo Uhr Training bis Mittag, dann eine Mittagspause und am Nachmittag nochmals Training bis etwa 19.oo -20.oo Uhr, je nachdem, denn an einigen Tagen kommt ja die Physiotherapie dazu.


Q: Seit dem 10. Mai, also gerade 1 Woche nach der WM,, nimmst du jetzt hier in Sonthofen an diesem Übungslehrgang der Bundeswehr teil. Wird der Urlaub nachgeholt?


A: Hmhh, ist ein bisschen schwierig. Viel Urlaub bleibt natürlich nicht dadurch, dass die Saison so lang war. Es ist ein bisschen zusammengequetscht jetzt und es fehlen ganze vier bis fünf Wochen durch die WM, die man nutzen könnte für intensives Training und Trainingsaufbau oder eben für Urlaub. Ich plane, wenn ich in Kanada bin, für ein, zwei Tage einen kleinen Zwischenstopp in New York zu machen. Das ist ein bisschen Entspannung. Und dann Mitte Juli wird noch einmal eine Woche frei sein. Aber mehr ist nicht drin.


Q: Es gibt in der nächsten Saison zwei Startplätze bei der EM. Plant dein Bruder Martin wieder als Einzelläufer einzusteigen, so dass vielleicht euer Traum wahr wird, gemeinsam eine EM zu erleben?


A: Das ist immer noch der Traum, richtig! Mal gucken! Es hängt auch davon ab, wie Martin mit seinem Studium zurecht kommt und wie er im Sommer trainieren kann. Der Plan ist an sich da und wir werden sehen, was daraus wird. Bei Martin liegt natürlich die Priorität auf dem Studium. Wenn das nebenbei mit dem Sport funktioniert, auch mit einer EM-Teilnahme, dann ist das eine sehr schöne Nebensache für ihn, die ihn sehr freuen würde. Aber auf Teufel komm raus wird er es jetzt nicht probieren denke ich. Er legt auf jeden Fall Wert auf das Studium, dass er dort gut fertig wird und dann dort unterkommt.


Q: Dann wünsche ich dir und auch ihm viel Glück und bedanke mich für das nette Gespräch.


A: Dankeschön