Interview Philipp Tischendorf

Bavarian Open, Februar 2009


I: Herzlichen Glückwunsch zu einem tollen zweiten Platz. Du bist zufrieden?

P: Ich bin eigentlich zufrieden. Mit den Punkten jetzt an sich nicht, aber mit der Leistung: ich habe in beiden Programmen die dreifach-dreifach Kombi gezeigt, aber die wurde zweimal nicht rumgewertet, denke ich. Ich habe die detaillierten Ergebnisse noch nicht gesehen. Aber trotzdem habe ich auch in der Kür das erste Mal wieder vier verschiedene Dreifache gemacht, mit dem Salchow, den habe ich zur Deutschen noch nicht gezeigt. Den hatte ich nur doppelt gemacht, aber der war sogar ganz gut. Aber ich bin auf jeden Fall zufrieden, kann man schon sagen.


I: Du musstest lange wegen Verletzungsproblem aussetzen. Kannst du bitte noch einmal zusammenfassen, welche Probleme du genau hattest und wann du wieder ins Training eingestiegen bist.

P: Angefangen hat alles im März 2007. Es ist fast zwei Jahre her. Damals nach der Junioren-WM war eigentlich die Saison schon für mich gelaufen. Ich habe dann im Training auch ein bisschen am vierfachen Lutz gearbeitet, wir hatten damals auch Videoaufnahmen, um genau anzugucken, was man verbessern kann. Und da ist es dann bei einem Lutz passiert, dass ich in der Luft gemerkt habe, wie es auf einmal tierisch gezogen hat im Adduktorenbereich, also in der Oberschenkel-Innenseite, auf der linken Seite. Ich konnte dann auch nicht laufen und bin dann gleich zum Arzt gegangen. Der hat eine Zerrung diagnostiziert und eine Woche später hatte ich Urlaub und war zwei Wochen auf Bali. Also Sonne pur und der Arzt hatte auch gesagt, das kann mir nur gut tun, und so habe ich die Füße sozusagen hochgelegt. Als ich aus dem Urlaub wiederkam, war es aber überhaupt nicht besser. Im Urlaub hatte ich zwar gemerkt, da zwickt es noch ein bisschen, aber ich habe mich ja dort nicht so viel bewegt. Dann stellte sich heraus, dass es ein Muskelfaserriss war, also etwas Schlimmeres. Das verheilte dann aber auch nicht so und ich habe gar nicht weitertrainiert, nur Physiotherapie, also Behandlung gehabt. Im Juni war es dann immer noch nicht wirklich besser, ich konnte auch nicht aufs Eis. Da habe ich dann beschlossen nach München zu gehen und mich von Marianne Martin, der Physiotherapeutin der DEU, behandeln zu lassen. Dort war ich vier Wochen, und sie hat herausgefunden, dass es vom Rücken herkommt. Ich hatte sozusagen so etwas wie einen leichten Bandscheibenvorfall, es war ein Nerv eingeklemmt, und der verlief durch die Adduktoren. Der meldete immer Schmerz, obwohl an sich alles verheilt war. Dann musste ich ein sehr umfangreiches Stabilisationstraining machen, Bauch und Rücken. Danach kam alles wieder in Schwung und ich spekulierte an den Deutschen Meisterschaften im Januar 2008 in Dresden teilzunehmen. Als ich wieder aufs Eis kam, war Oktober und es lief auch alles ganz gut, die Dreifachen kamen wieder und dann bekam ich Probleme mit beiden Knien, unterhalb der Kniescheibe an der Patella-Sehne, es war einfach eine Überlastung sag ich mal, weil ich dem Sinne keine richtige athletische Vorbereitung hatte. Es war zu viel für meine Knie, und dann war die Saison für mich gelaufen. Mitte Februar bin ich wieder runter vom Eis und habe mich erst mal athletisch aufgebaut, bin auch kräftiger geworden in dieser Zeit. Als ich keine Schmerzen mehr hatte, bin ich dann wieder aufs Eis, das war Anfang April letzten Jahres. Da konnte ich wieder konsequent trainieren und im Prinzip hatte ich dann nochmal den ganzen September durch einen blöden Monat. Direkt zu Saisonanfang konnte ich nicht trainieren, weil ich Probleme mit dem Schuh hatte, der drückte auf die Sehne. Ich hatte eine Sehnenscheidenentzündung rechts und konnte den ganzen September über nicht trainieren. Aber im Oktober war es weg, und ich konnte dann richtig loslegen mit einer relativ guten Vorbereitung. Die letzten zwei Jahre, vor allem 2007 nach der JWM waren eine Katastrophe für mich. Danach lief es erst ein bisschen schleppend an, aber jetzt bin ich wieder voll da. Ich bin fit und habe keine Probleme mehr seit September. Das ist schon mal wichtig.


I: trainierst du auch wieder vierfache Sprünge?
P: Ich habe seitdem nicht wieder Vierfache trainiert, aber ich werde jetzt wieder daran arbeiten. Ich habe auch den ganzen Februar Zeit. Ich laufe erst wieder in Den Haag Anfang März und werde dann Vierfache und vor allen Dingen den Axel, das ist ja so ein Schlüsselelement, trainieren.


I: Wie hast du die schwierige Zeit überwunden und deine Motivation behalten?

P: Ich habe immer daran geglaubt, dass ich es schaffen kann. Ein Schlüsselerlebnis war in Berlin, als ich aus München wiederkam im August 2007. Ich bin in Berlin an einen Physiotherapeuten gekommen, der eigentlich für mich ein Motivator war, der gesagt hat, du kannst es wieder schaffen. Bei dem bin ich auch immer noch und lass mich behandeln, meistens einmal in der Woche. Er ist für mich immer noch ein Super-Mentaltrainer. Er ist eigentlich ein ganz normaler Physiotherapeut, aber er hat mich immer sozusagen wieder am Laufen gehalten. Dann hatte ich ja auch den Vorteil, dass ich all die Konkurrenten vor der Nase hatte: Peter, Martin, Clemens und Stefan, wie sie trainiert haben. Und da habe ich mir gesagt, du kannst jetzt nicht einfach so nach der Verletzung abtreten.


I: Es ist sicher deprimierend, wenn man denkt jetzt geht es aufwärts und dann kommt der nächste Rückschlag.

P. Ja, aber ans Aufgeben habe ich nie gedacht, zum Glück!


I: Wann hast du gewusst, dass du wieder zurückkommen würdest?

P: Als ich mich auf die Deutsche 08 (im Dezember 2007) vorbereiten wollte und dann die Knieprobleme auftraten, dachte ich “das kann nicht sein” und ich war schon ziemlich niedergeschlagen und auch als ich dann in Dresden war, es war eine ganz komische Erfahrung. Ich bin dahin gefahren, habe mir die Wettbewerbe angesehen, und es war alles so fern. Ich hätte mir nie vorstellen können mitzulaufen. Also ich war natürlich nicht fit, aber ich fühlte mich auch nicht fit vom Kopf her, denke ich. Das war eine harte Zeit. Aber als ich dann wieder schmerzfrei war und mein Athletikprogramm starten konnte so Anfang Januar 08, da habe ich schon gemerkt, es geht ganz schnell aufwärts.


I: Was hast du in der Zeit gemacht in der du nicht trainiert hast?

P: Ich war damals in der 13. Klasse und habe dann mein Abitur letztes Jahr im Sommer fertig gemacht. Ich hatte mehr Zeit, mich auf die Schule vorzubereiten. So hat es sogar auch was gebracht, also ich habe mich noch ein bisschen verbessert und mit einem sehr guten Abi-Schnitt, mit 1,9, die Schule beendet und war sehr froh darüber. Ansonsten habe ich so viel eigentlich gar nicht gemacht und war trotzdem beschäftigt, viel Physiotherapie gemacht und manche Sachen, die im Nachhinein gar nichts gebracht haben. Ich bin, um mich trotzdem ein bisschen fit zu halten viel Rad gefahren, viel Ergometer und im Nachhinein würde ich sagen, hat mir das gar nicht so viel gebracht und nicht gut getan. Ich habe halt versucht irgendwie einen gewissen Fitnessgrad zu halten. So viel Zeit hatte ich also dann doch nicht nebenbei. Aber wie gesagt, für die Schule hat es mir schon was gebracht.


I: Wie hast du die Deutsche Meisterschaften nach der langen Pause erlebt und wie schätzt du die Saison für dich ein?

P: Es war erstmal wieder sehr schön, bei der Deutschen Meisterschaft dabei zu sein. Ich hatte schon damit gerechnet, wenn alles richtig gut läuft für mich, klar Axel kann ich nicht, aber wenn Peter Fehler macht, kann ich auch um den Titel mitlaufen. Es hat sich dann im KP schon herauskristallisiert, dass, auch wenn Peter den Axel nicht gemacht hat, er dann doch noch eine Schippe drauflegen kann, was er ja dann auch in der Kür gezeigt hat. Aber ich war trotzdem erstmal sehr zufrieden wieder dabei zu sein, mich zeigen zu können. Ich habe auch sehr viele positive Reaktionen bekommen, dass man froh ist, mich wieder zu sehen und ich war ja auch gut. Es war einfach eine schöne Meisterschaft für mich, ärgerlich ein bisschen, dass ich dann nur den 3., also in Anführungsstrichen nur den 3. Platz geschafft habe. Weil ich schon eigentlich damit gerechnet hatte, doch als zweiter mit zur EM fahren zu können.


I: Naja, nach der langen Auszeit war das Ergebnis aber doch okay?!

P: ja, nach der langen Auszeit kann man natürlich sagen, ja 3. erstmal okay, aber man will ja auch trotzdem sich international zeigen. Es hat leider nicht geklappt, aber mit der bisherigen Saison bin ich eigentlich schon zufrieden. Und ich sag mal das Highlight für mich jetzt in der 2. Saisonhälfte wird dann schon Den Haag sein. Ich habe gehört, es werden wohl sehr viele prominente Läufer dabei sein. Peter wird ja auch da laufen. Da versuche ich dann natürlich nochmal alles rauszuholen.


I: Erzähle unsein bisschen was über deine Programme. Wie hast du die Musik ausgewählt, was gefällt dir an diesen Programmen. Das Kurzprogramm ist ja Derrick, hast du diese TV-Serie überhaupt noch bewusst erlebt?

P: Die TV-Serie lief zwar glaube ich bis Ende der 90iger. Aber so richtig gesehen habe ich sie bis heute noch nicht. Im Internet habe ich mit ein paar Clips angeguckt bei YouTube. Für die Kür stand bei mir fest, dass ich einen Tango laufen wollte und beim KP war ich mir nicht sicher. Und dann hat meine Trainerin Romy Österreich diese Derrick-Musik mitgebracht und meinte: “Hey, guck mal ich habe was gefunden, das lange keiner mehr gelaufen ist.“ Sie meinte sogar, vielleicht noch nie jemand. “Es ist eine tolle rhythmische Musik und da kann man bestimmt was draus machen.” Ich habe es dann zusammengeschnitten, die Version, die jetzt vorhanden ist. Und die fand ich auch von Anfang an Klasse. Bei der Kür war es relativ schnell klar, im Februar letzten Jahrs oder sogar noch früher, dass ich einen Tango laufen will und ganz viele Musiken hat mir Hendryk Schamberger, der auch damals meinen Flamenco choreographiert hat, besorgt. Dann war ich in Tango-Tanzkursen. Mit Constanze Paulinus bin ich einmal wöchentlich tanzen gegangen und der Tanzlehrer hat mir auch nochmals Musiken gegeben. Dann hatte ich so im Mai/Juni hunderte von Titeln und habe mir die schönsten rausgesucht, dann auch zusammengschnitten und das ist jetzt dabei herausgekommen.


I: Du machst das alles selber?!

P: Ja, die Grundstruktur schneide ich selber und den Feinschnitt mache ich zusammen mit dem Freund meiner älteren Schwester. Er ist Musiker und in dem Musikstudio kann ich dann schön was überarbeiten.


I: Die Schule ist abgeschlossen und jetzt bist du in der Bundeswehr. Was machst du dort?

P: Genau, die Schule habe ich im Juni letzten Jahres beendet und seit Oktober bin ich bei der Sportfördergruppe. Im April/Mai diesen Jahres werde ich wahrscheinlich die Grundausbildung machen. Normalerweise ist es so, dass man die Grundausbildung erst macht und dann sozusagen in der Sportfördergruppe bleibt. Bei den Eiskunstläufern gibt es eine Ausnahme. Seit Oktober war ich drin und im Oktober/November eine Grundausbildung zu machen wäre natürlich totaler Käse für die Saisonvorbereitung, die Saison fängt ja da gerade an. Also hole ich die jetzt nach, wahrscheinlich zusammen mit Peter (Liebers) und mit Carolina Hermann. Ansonsten ist es natürlich ideal. Wir können täglich trainieren, wir müssen einmal im Monat nur in die Kaserne. Das ist in Berlin auch ideal, es ist nicht so weit weg, in Tegel, man fährt eine halbe bis eine dreiviertel Stunde hin. Das nennt sich Pflichtdiensttag und ist einmal im Monat. Im Prinzip kommen alle Sportsoldaten, die von der Bundeswehr unterstützt werden, dorthin, müssen dahin kommen wenn nicht gerade Wettkämpfe sind. Dann gibt es Informationen über Lehrgänge oder Fortbildungsmaßnahmen oder wenn papiermäßig irgendwas nachgeholt werden muss. Es ist an sich nie was Großes, es ist nur, dass man sich da auch in der Kaserne sehen lässt, dass man sieht, es gibt eine Sportfördergruppe. Es ist für mich eine ideale Unterstützung. Man kriegt erstmal nur ein Grundsold, aber es ist ein Anfang und ich kann dafür das machen, was ich sehr gerne mache: Eislaufen. Es ist schon eine tolle Sache!


I: Und was machst du sonst noch außer Eislaufen? Welche Hobbies hast du? Du liest gerne?!

P: Stimmt, ich lese gerne. Momentan lese ich allerdings nichts. Ich habe mir ein Buch mitgenommen, bin aber noch nicht dazu gekommen. Dann bin ich jetzt gerade umgezogen in Berlin in meine eigene Wohnung zusammen mit einem ehemaligen Schulfreund. Da hatte ich jetzt auch viel zu tun mit Streichen, Einrichten und so. Ansonsten treibe ich sehr gerne Sport, ich bin sehr sportbegeistert, guck mir auch viel Sport an - ich bin ein sportlicher Typ.


I: Ein ganz normaler Tagesablauf, wie sieht der bei dir aus? Vom Aufstehen bis zum Schlafengehen!

P: Meistens stehe ich ungefähr um 7.oo Uhr auf und lass es dann relativ gemütlich angehen. Ich frühstücke sehr gerne und ausführlich und mache mich dann gegen 8.oo Uhr auf zum Training. Ich fange mit einer sehr ausführlichen Erwärmung an bis so gegen 8.3o Uhr. Dann steht erstmal Eis auf dem Programm, meistens so von 9.oo-10.oo oder von 9.30 bis 11.00, also eineinhalb bis zwei Stunden immer vormittags. Montags und Donnerstags habe ich noch Athletik hinterher so von 11.oo-12.oo/12.3o. Dann habe ich ein bisschen Pause, und am Abend nochmals von 16.oo Erwärmung und 17.oo-18.oo Uhr Eis und z.B. Montags Ballett hinterher. Jetzt in der Saison nicht, aber in der Vorbereitung habe ich auch Turnen gemacht, ein- bis zweimal wöchentlich, das war dann meistens mittags. Das hat auch sehr viel Spaß gemacht, so dass ich gegen 19.oo/19.30 fertig war. Mittags hatte ich immer Pause zwischen 13.oo und 16.oo Uhr, in der ich dann nach Hause gegangen bin und was gegessen habe, gelesen habe oder irgendwelche Sachen, die man halt erledigen musste. Ich habe es hauptsächlich als Ruhepause ausgenutzt und dann abends nochmals Training so von 16.oo-19.oo Uhr. Und dann bin ich nach Hause gekommen und wir haben meistens was zusammen gegessen. Mein Vater und meine Mutter kochen sehr gut. Und dann habe ich einen entspannten Abend gemacht. Manchmal hatte ich abends noch Physiotherapie und war dann erst um 21.00 Uhr zu Hause.


I: In der neuen Wohnung musst du jetzt selber kochen?

P. Ja, das ist ja noch nicht so lange. Ich bin erst seit einer Woche umgezogen


I: Kannst du kochen?

P: (lacht) ja, ein bisschen. Ich bin dabei es zu lernen. Von den Eltern kriegt man doch was mit!


I: Wo siehst du dich in fünf Jahren?
P: Also ich möchte auf jeden Fall bei den Olympischen Spielen dabei gewesen sein. Wenn es nächstes Jahr nicht klappt, dann in fünf Jahren in Sochi. Bei einer EM und WM mit in der Spitze laufen und ein Studium anzufangen. Ich weiß zwar noch nicht in welche Richtung, aber etwas Naturwissenschaftliches. Das wird man dann sehen. Ich hoffe, dass ich die nächsten zwei Jahre noch in der Bundeswehr bleiben kann, weil es schon eine Zeit ist, die man gut zum Trainieren nutzen kann, und dann möchte ich in ein bis zwei Jahren ein Studium beginnen.... Ja, internationale Spitze zu werden, ganz klar.


I: Ich bedanke mich für das nette Gespräch und wünsche viel Glück in Den Haag!

P: Danke schön.